Die Krimis um Kassandra Schwarz

Kassandra Schwarz ist eine normale junge Frau, die ein normales Leben lebt, Stärken und Schwächen hat wie alle, zum Beispiel eine Schwäche für ihre Katze Katerchen, der sie besondere Fähigkeiten attestiert, die sie manchmal bestätigt, manchmal auch nicht, oder ihre Launen, die sie manchmal in absurde Situationen bringen. Aus so einer Laune heraus hat sie sich in die Wohnblock-Provinz verpflanzt, vielleicht einfach weil sie von einer Wohnung aus die Altstadt, den Fluss und die Berge sah. Ihre Kolleginnen verstehen das nicht, so wie sie auch nicht verstehen, dass Kassandra hinter allen möglichen alltäglichen Situationen das Besondere, das Abgründige, das Unwahrscheinliche vermutet. Und meistens treffen ihre Vermutungen auch zu und sie begegnet menschlichem Tun jenseits von gesellschaftlichen Konventionen, sogenanntem Verbrechen. Ihre Freundin Luzia ist in solchen Situationen eine zuverlässige Unterstützung.

Die Figur der Kassandra Schwarz hat keine reale Entsprechung in unserer Welt. Verschiedene der Ereignisse, in die sie verstrickt ist, könnten so oder in ähnlicher Form jedoch durchaus geschehen sein. Die Figur entstand im Rahmen eines Entwurfes für eine Hörspiel-Semesterarbeit.

 

 

Der Schläfrige

Ein Fall für Kassandra Schwarz (5)

 

1

Manche Träume haften einem an und kleben hartnäckig wie Kaugummi an den Schuhen. Sie ziehen Fäden, die einen umspinnen und die sich fast nicht mehr entwirren lassen. Dabei sind es nicht einmal zusammenhängende Geschichten, die bleiben, sondern einzelne Bilder, Wortfetzen und Stimmungen, die immer wieder am Gedankenhorizont auftauchen und wie Drohungen im Hintergrund lauern.

Die aufdringlichsten Wortfetzen eines solchen Traumes, die Kassandra Schwarz' Denken an jenem Spätsommertag dominierten, betrafen einen Mann, von dem kein konkretes Bild hängen geblieben war. Es wiederholten sich nur immer einige beschreibende Worte: stumpenrauchender, mordender Greis. Und dazu ein Name, den sie vollends nirgends einordnen konnte: Snoozy Egli. Seltsamerweise war sie sich der Schreibweise absolut sicher. Daneben blitzten einzelne Szenen auf; eine Imbissbude und eine Kassiererin, die Ewigkeiten lang das Geld in der Kasse klimpern liess und immer wieder mit schattenhaften Gestalten im Gedränge rund um Kassandra redete, ein lärmender Umzug von surrealen Figuren durch die Menge, etwa ein Zirkus auf einer Werberunde. Und immer wieder die Worte vom stumpenrauchenden, mordenden Greis und jemand Unsichtbarer, der ihr zuraunte, dass da ein Röntgenarzt eine Rolle spiele.

Phu, Kassandra schüttelte sich und versuchte, wieder in der Realität des angenehm milden, von einer weichen Sonne durchfluteten Tages Fuss zu fassen. "Was für ein Mist", sagte sie zu Luzia, als sie schon am frühen Nachmittag auf der Terrasse des Türken beim Bahnhof sassen. Luzia zuckte die Schultern: "Kommt immer mal wieder vor, dass man einen totalen Stuss zusammenphantasiert. Wer weiss schon, was der Auslöser dieser Träume ist." "Trotzdem", Kassandra war drauf und dran, ein zweites Bier zu bestellen, "irgendwie scheint mir, dass da irgendwo Unheil droht.." Nun solle sie aber einen Punkt machen, fand Luzia, die schon immer die Rationalere der beiden gewesen war, wenn ihr nach jedem schlechten Traum gleich etwas Schlimmes zugestossen wäre, dann hätte sie nicht eine so jungfräuliche Unfallchronik und es wäre ihr Schlimmeres zugestossen als kürzlich der Schnitt in den Finger beim Knoblauchrüsten. Kassandra versuchte sich genüsslich im Stuhl zu rekeln und die schmeichelnde Sommerwärme in sich eindringen zu lassen. Aber mitten in der Bewegung gerieten ihr schon wieder die Worte in die Quere. Ein stumpenraucher mordender Greis. Und was zum Teufel hatte der Zirkus zu bedeuten und was für eine Rolle spielte ein Röntgenarzt?

"Komm", sagte Luzia, "schauen wir uns an, was du von mir willst." Erst da tauchte Kassandra endlich auf. Natürlich, Luzia war ja eigentlich gekommen, weil die Schlussfassung einer Expertise anstand und Kassandra die Unterstützung einer professionellen Lektorin angebracht schien. Darum kam auch ein zweites Bier nicht in Frage und sie winkte dem türkischen Wirt einen Abschied zu.

 

2

Die Sache mit dem Bericht zog sich dann doch in die Länge und es ging bereits gegen zwanzig Uhr, als Kassandra mit Luzia zusammen das ehemalige Brauhaus betrat. "Jetzt brauch ich was Deftiges!" hatte Luzia erklärt, als sie nach Stunden endlich die Köpfe von den Manuskripten hoben und Kassandra machte sofort den Vorschlag, dass man ins Brauhaus gehen könnte. Das Essen dort sei wunderbar raffiniert, obwohl es eigentlich ganz alltägliche Gerichte seien und auch der Rote sei durchaus annehmbar, wenn es auch ein Brauhaus sei. Luzia wurde nicht enttäuscht: Die Schweinshaxe war etwas vom Besten, das sie in der letzten Zeit gehabt habe und hausgemachter Kartoffelstock sei durchaus selten geworden. „Etwas“, meinte Kassandra, „etwas muss man ja von der Provinz haben, und wenn es nur ab und zu ein selten gewordener Essensgenuss ist!“

Die Tische rundherum waren dicht besetzt, Alt und Jung durcheinander, gesetztere Herren in Krawatte neben bulligen Typen in schwarzen Shirts. Es herrschte beinahe echter Bierhausrummel, entspannte Feierabendfröhlichkeit. Der Traum war endlich weit weg entschwunden – und genau in diesem Augenblick liess Kassandra unvermittelt ihre Gabel in der Hackbratenscheibe verharren. Der Name war mitten in Lachen, Wortfetzen, Essgeräuschen aufgeglüht wie eine der knallenden Leuchtpetarden in Feuerwerken, für Augenblicke hatte es sogar geschienen, als seien all die Geräusche ausgeblendet. "Egli", hatte die Stimme am Nebentisch deutlich gesagt. Niemand kümmerte sich darum, aber plötzlich war der Traum wieder da und Kassandras Sinne vibrierten hellwach. Luzia wunderte sich, warum sie plötzlich ins Leere sprach. Kassandra linste zum Tisch hin: Einer mit einem schiefen Gesicht, die eine Hälfte war hochgezogen wie wenn sie weit über dem Scheitel an einem unsichtbaren Nagel angehängt wäre, sprach gerade. Der Mund grinste schief und das Grinsen war hässlich. "Gestern", sagte der Mund und vorerst schwiegen die rundherum, zwei in den blauen Werkhosen einer grossen Schreinerei, einer in einer geschniegelten Kleidung mit Krawatte und einer im ausgebleichten T-Shirt mit dem Aufdruck einer internationalen Band und dem verlebten Gesicht eines Genussmenschen. Dann kam der zweite Begriff des Traumes: Snuuusi, sagte der im T-Shirt und eifrig pflichteten ihm die andern bei: ‚Genau, so hat man ihm gesagt.’

"Was zum Teufel..." begann Luzia, aber Kassandra brachte sie mit einem tödlichen Blick zum Schweigen. Es kamen immer weitere Gäste an und der Lärm kochte heftiger auf als je zuvor, die Beiz war total überfüllt, selbst an der Theke klebten sie in Trauben um die zwei kümmerlichen Barhocker. Man konnte kein genaueres Wort verstehen. Aber nicht nur darum versiegte das Gespräch nebendran. Es war Kassandra, als hätte sie ein Augenzeichen des Schiefgesichtes wahrgenommen, genau im Moment, als der im T-Shirt zum Sprechen angesetzt hatte. „Der Chef meint, man müsse diesen Egli - „, Kassandra hätte schwören mögen, dass er so begann. Aber mitten im Satz brach er ab und für Augenblicke wusste keiner weiter. Dann hob Schiefgesicht das Glas, man prostete sich zu und der Moment war weg.

"Tschuldigung", sagte Kassandra, "ich bin wohl ziemlich grässlich gewesen gerade. Dieser idiotische Traum aber auch!" Luzia war, wie Kassandra jeweils immer und bei jeder Gelegenheit betonte, die geübteste Zuhörerin, die man sich denken konnte. Auch jetzt liess sie ruhig die Zeit verstreichen, während Kassandra ihre Gedanken ordnete. Vielleicht täusche sie sich, meinte sie, aber ob es Luzia nicht auch scheine, dass die Unterhaltung am Nebentisch jetzt plötzlich etwas Gezwungenes habe. Luzia stimmte ihr bei, aber gerade in diesem Moment brach ein höllisches Gelächter aus und in der Folge nahmen die Wortwechsel an Fahrt auf. Aber die Botschaften waren derart verschlüsselt, dass die beiden Frauen nichts daraus schliessen konnten. Nichts, ausser dass sich die Kerle gezielt und boshaft über sie lustig machten. Offenbar hatte man bemerkt, dass die zwei Frauen zugehört hatten.

Das Beste sei, fand Kassandra daraufhin, dass man noch eine Flasche bestelle. Und auch danach war noch immer zu viel von dem Traum übrig, so dass man noch eine weitere bestellen musste. Allerdings wurde damit wohl das Gegenteil der erwünschten Wirkung erzielt, denn auch in Luzias weinschweren Träumen dieser Nacht geisterte nun ein stumpenrauchender mordender Greis mit einem schiefen Gesicht, dessen eine Hälfte wie mit einem Faden an einen Nagel über dem Scheitel gebunden schien.

 

3

Wie es so üblich ist bei solchen Träumen, verblasste zwar das ganze Bild bei Tageslicht, aber einzelne Namen und Szenen tauchten immer wieder plötzlich in Kassandras Denken auf, zudem nun vermischt mit den Ereignissen der weinseligen Nacht und auch bei ihr hatte Snoozy Egli nun die verzerrten Züge des Stammgastes erhalten.

Zudem konnte sie es nicht lassen, nach dem seltsamen Spitznamen zu suchen, den sie auch sehr schnell in einem englischen Wörterbuch fand: „Schläfrig“, war demnach die sinngemässe Bedeutung, was ihre Unruhe aber höchstens noch steigerte. Denn dass ausgerechnet ein Zusammenhang mit Schlaf bestand, gab ihr noch mehr zu denken. Darum war sich nicht einmal sonderlich überrascht, als am nächsten Tag, einem Freitagmorgen, der Polizeichef persönlich anrief. In seiner kauzigen Art wollte er wissen, ob sie noch immer von diesem Alten träume, von diesem Röntgenarzt, nach dem sie ihn kürzlich gefragt habe und ob es sie vielleicht interessiere, dass er soeben vom Tod eines Herrn Egli erfahren habe. Kassandra erinnerte sich, dass sie etwas befremdet gewesen war, als der Polizeichef sie ziemlich brüsk abgefertigt hatte, kaum dass sie einige Details erwähnte. Und er war auch jetzt eher kauzig. Ob sie unter Ahnungen leide oder weshalb sie ausgerechnet diesen Namen geträumt habe. Und noch mehr zu denken gab ihr die seltsame Art, wie sich Scherrer ausdrückte. Es sei zwar, sagte er nämlich als nächstes, ein gewaltsamer Tod, aber man habe beschlossen, dass er selbst herbeigeführt worden sei. Er, Scherrer, werde es darum vermeiden, sich näher damit zu befassen. Aber vielleicht habe ja sie Lust dazu? Sie könne sich ja den Schauplatz mal anschauen gehen. Und ohne sich etwas weiteres entlocken zu lassen brach er das Gespräch mit ein paar Ausflüchten ab.

„Irgendwas“, sagte Kassandra zu Luzia, als sie in dem roten Gemeinschaftsauto den Hügeln des Hinterlandes entgegen fuhren, irgendwas sei da gründlich schief. Nicht nur, dass sich der Polizeichef in ganz unüblichen Worten äussere, sondern auch überhaupt, dass er sie regelrecht auf die Sache ansetze, denn sonst war er sehr darum bemüht, sie vom Geschehen möglichst weit fernzuhalten. Und zudem, fand sie, sei es doch seltsam, dass sie, Luzia, erstmals nach Wochen genau jetzt wieder mal bei Kassandra erschienen sei, so, als habe sie etwas geahnt. "Blödsinn", sagte Luzia, die mit Ahnungen nichts anfangen konnte, und Kassandra solle jetzt nicht wieder mit dem ‚Gspürsch-mi-Unsinn’ beginnen, es sei ja um die Bereinigung der Texte gegangen. Und sie sei froh, habe Kassandra sie gleich angerufen. Denn sie sei nicht mehr die einzige, durch deren Gedanken ein mordender Greis und ein Schiefgesicht geistere - aber ob man dort hinten, sie deutete vage nach vorn, wohl auch irgendwo ein anständiges Bier kriegen könne? Ein ziemlicher Krachen sei es, sagte Kassandra. Mit dem Dialektwort bezeichnete man weitabgelegene und versteckte, und, fügte Kassandra bei, auch verstockte, kleine Dörfer, Weiler oder auch Einzelhöfe. Aber vielleicht gebe es ja doch eine Beiz dort, einen Bären oder Löwen oder ein Bedli, ein ehemaliges Badhaus, eine Riesenhütte mit tiefgezogenem Dach und Geranien vor den Fenstern, ganz unverdächtig, fügte sie hinzu. Und Luzia solle ihr nun sagen, was sie mit dem herumgeisternden Greis gemeint habe, denn sie nehme ihr nicht ab, dass sie plötzlich auf Träume stehen würde.

Mittlerweile fuhr das Auto in einem weiten Saal von Baumstämmen, durch welche sich das graue Band der Strasse wie eine Fährte seltsamer Tiere wand. Es herrschte eine Dämmerung wie in einer mittelalterlichen Kathedrale und immer mal wieder ragten Baumstrünke aus dem schwarzbraunen Boden hervor wie Altare in den Seitenschiffen. Und wie Kerzenflämmchen leuchteten vereinzelt knallgelbe Blätter aus den Säulenstämmen. Sie verdichteten sich zu Ansammlungen von Lichtern und plötzlich strahlte eine ganze Kuppel junger Ahornbäumchen mit stechendgelbem Blattüberzug am Rande der Strasse auf. Fast gleichzeitig knallte das Strässchen aus dem Wald hinaus über eine kleine Kuppe und ein breites grünes Wiesenband senkte sich zu einer Mulde, in der grünbraune Dachtiere hingeduckt hockten. Auch in dieser Gruppe brannten Ahornbäume in loderndem Gelb. Von der Mulde aus stachen einzelne Wiesenfinger in schmalen Bändern in das Fichtenmeer, das die Hügel überfloss. Dort, sagte Kassandra, in einem dieser mickrigen Wiesenfinger liege das Ghütt, in dem der Mann mit Namen Egli zu Tode gekommen sei.

Eben, sagte Luzia, und es sei schon ziemlich seltsam, dass ein gewesener Röntgenarzt und mordender Greis hier draussen gestrandet sein solle. Und noch fraglicher sei, fügte Kassandra hinzu, was das Ganze mit Zirkus zu tun habe. "Das einzige was hierher gehört, ist der Stumpen", meinte Luzia. Ob sie denn etwas herausgefunden habe, fragte Kassandra endlich und wies sich im Stillen zurecht wegen ihrer Verstimmtheit darüber, dass jemand anderes ihr im Wissen voraus sein sollte. Luzia griff sich ein winziges Notizbüchlein aus der Tasche. "Nun," begann sie, "nichts, was wirklich hierher passen würde, dünkt mich jetzt." Und sie blickte sich unbehaglich um. "Obwohl natürlich andererseits genau das Gegenteil auch denkbar ist! Ja, wenn man es sich genau überlegt – warum sollte sich das nicht alles genau hier zugetragen haben? Man könnte natürlich", sie geriet plötzlich in Eifer, "man könnte natürlich umgekehrt auch sagen, dass genau das hier perfekt in die Geschichte passen würde!" Kassandra fühlte wieder den kleinen Stich. Und eine kleine Gereiztheit war in ihrer Stimme, als sie sagte, dass Luzia jetzt endlich aufhören solle, um den heissen Brei herum zu reden.

 

4

Gerade gelangten sie an die Gabelung der Strasse, um die herum die Häuser standen, typische Hofhäuser der Gegend: Grosse Holzbauten mit protzigen Fassaden nach vorne und Haubendächern, die Wohnhaus, Scheune und Anbauten ganz bedeckten sowie kleinere Nebenhäuser, Stöckli genannt, in die früher die Grosseltern gezügelt waren, kaum dass der älteste Sohn die Wirtschaft übernommen hatte. Das waren die wohlhabenden Höfe gewesen, die im Zentrum des bebauten Landes standen, ganz anders als die kleinen Hütten der Taglöhner, der Holzfäller und Kleinbauern, die sich irgendwo an einen Waldrand oder in eine schattige Lichtung gedrückt hatten. Vor dem grössten der Häuser standen einige Gartentische unter zwei riesigen Linden und auf einem Podest in halber Höhe der Fassade reckte sich eine wohlgenährte Bärenfigur in die Höhe: Die Dorfbeiz. Kassandra bremste scharf. "Genehmigen wir uns zuerst eins", sagte sie. Und Katerchen, der bisher unbeeidruckt im Fond des Wagens ein Nickerchen genommen hatte, kriegte Auslauf. "Aber geh nicht zu weit", mahnte Kassandra ihren zweiten Assistenten, und er solle vor allem keinen Krach mit den hiesigen Hofkatern beginnen, das seien richtige Raufbolde. Katerchen schaute sie beleidigt an. Was für Vorstellungen Menschen manchmal hatten! Er wusste doch längst, wie es in der rauhen Bauerngesellschaft zu und her ging, wozu schliesslich war Kassandra sonst in die Provinz gezügelt?

Eine ältliche Frau mit breiten Hüften in einer verblichenen Serviererinnentracht kam misstrauisch näher. "Was we-iter?" brummte sie im verquetschten Dialekt der Gegend. Und dass die beiden Frauen ein Bier bestellten, schien ihr durchaus nicht in den Kram zu passen, sie verharrte, als würde sie eine Korrektur der ungehörigen Bestellung erwarten und werkelte erst noch etwas an einem mit Kram überladenen kleinen Tisch herum, der an der Hauswand stand und als Aussentheke zu dienen schien. Erst als eine weitere Weibsperson von noch fülligeren Ausmassen in der Türe erschien und stechig guckte, verschwand sie brummelnd im Haus.

"Also", forderte Kassandra Luzia auf und diese nahm wieder ihr Büchlein auf. Sie habe, meinte sie, bei den drei Eckpunkten begonnen, welche ihr Kasandra genannt habe. Röntgenarzt, "Snoozy" Egli, Zirkus – denn mit dem stumpenrauchenden, mordenden Greis sei es wohl schwieriger, habe sie gedacht. Aber vorerst sei aus den drei Begriffen nichts herauszuholen gewesen, Egli habe es einige Tausend gegeben und auch mehrere Ärzte, Urologen, Neurologen und alle möglichen Spezialisten, aber keinen Röntgenarzt oder Radiologen, wie man da wohl fachlich dazu sage, mit "Snoozy" sei man gar nicht weitergekommen, ausser dass der Begriff englisch sei und soviel wie "schläfrig" bedeute, was wohl mit dem Benehmen des so Gerufenen zu tun habe Kassandra nickte: Das mit dem Englischen habe sie auch herausgefunden. In Kombination mit dem Begriff Zirkus, fuhr dann Luzia fort, habe sich immerhin der Name eines Artisten ergeben, der offenbar mit Zaubernummern aufgetreten sei. Dessen Lebenslauf sei immerhin einigermassen interessant und auch international gewesen, aber ein wirklicher Hinweis auf eine Verbindung zu diesem Krachen hier oder auch nur zu Stadt in der Nähe habe sich nicht ergeben.

Polternd und ihre Missbillligung vor sich herschiebend tauchte die verbrauchte Servierschürze aus der Gaststube und die Biergläser wurden auf den Tisch geknallt. "Zum Wou-sii" hing einen Augenblick lang noch der ortsübliche Prositgruss unter den Linden und er tönte wie eine Drohung. Kassandra schaute ihr nach: "Wenn man..." "Moment", sagte Luzia und hob das Glas, "ich hab noch was!" Kassandra hob ihr Glas ebenfalls: Zum Wou! Luzia stöhnte genussvoll auf und setzte das Glas wieder ab. Wie es so gehe, fuhr sie fort, es sei immer jenes Ende des Fadens, das man unbeachtet hab liegen lassen, das Interessanteste. Mehr so aus Verdruss habe sie mit dem stumpenrauchenden Greis ein wenig herumgespielt und als erstes sei der Hinweis auf eine Erzählung aufgetaucht, von der sie auch schon gehört habe, die ihr aber natürlich nicht in den Sinn gekommen sei. Es sei das Buch eines einheimischen Autors, das vor ein paar Jahren ziemlich überraschend mal in den Bestsellerlisten des Landes aufgetaucht sei "D’r Schloter", habe es geheissen, in in Mundart geschrieben, den Titel habe sie sicher auch schon gehört, es habe sogar einen Film davon gegeben. Gehört schon, meinte Kassandra, aber sie habe das Buch nicht gelesen und den Film nicht gesehen, obwohl damals im Städtchen ziemlich die Rede davon gewesen sei, aber aus ihrer Sicht sei das eine lokale Begeisterung für eine Geschichte gewesen, die das eigene Handeln entschuldige und niemanden betreffe. Luzia schaute etwas überrascht. Das habe sie sich noch nie überlegt, die Äusserung des Autors, dass er am Liebsten über Verlierer schreibe, habe ihr gefallen. Eben, sagte Kassandra trocken, niemand sieht sich selbst als Verlierer, darum liest man gerne davon. Verdienstvoller wäre es, wenn man über die Unbequemen schreiben würde, jene, die man nicht gerne hört, die aber Wahrheiten sagen. Aber da würde man sich eben aussetzen und der Erfolg wäre wohl geringer.

Eine verspätete Sommerwärme hatte sich vor der Hauswand eingenistet, weit auf der Wiese draussen summte ein Motor und Wespen suchten zwischen den Tischen nach den gewohnten süssen Verlockungen, die den Sommer über eine Art Schlaraffenland für sie gebildet hatten. Luzia nickte langsam: Das passe nicht mal schlecht, sagte sie, wenn sie es sich so überlege. Denn die Erzählung schiebe die ganze Verantwortlichkeit für eine unschöne Geschichte auf eine Person, hinter der man sich bequem verstecken könne, weil sie nicht gerade sympatisch daherkomme. Eben ein „schlotender“ – das Dialektwort für Rauchen, auch fürs Rauchen bestimmter Substanzen – entgleister Junge, als greisenhaftes Gespenst gezeichnet, als eigentliches Abbild des Verführers selbst, wie einige Pressekommentare meinten. Und trotz der Versicherung des Verfassers, dass die Gestalt frei erfunden sei und bloss versucht worden sei, einige rätselhafte Ereignisse in eine Geschichte einzuweben, seien nicht wenige überzeugt davon, dass hier einer endlich die Wahrheit geschrieben habe über jene unschönen Geschehnisse und über den schädlichen Einfluss gewisser Substanzen.

Kassandra nickte: Eben, man sei froh, wenn man alles auf solche Typen schieben könne, sich in der Gewissheit suhlen, dass man selbst nicht so sei. Es sei natürlich möglich, dass ihr das Unterbewusstsein einen Streich gespielt habe – obwohl damit nicht erklärt sei, woher denn der Schläfrige und der Name Egli aufgetaucht seien...

Nun ja, sagte Luzia, es sei ja durchaus so, dass einige Fakten dazu tatsächlich vorhanden seien, es sei in der Tat zu einer gewissen Zeit vor etwa vierzig Jahren hier in der Gegend Seltsames geschehn, es habe mysteriöse Todesfälle gegeben und sogar eine polizeiliche Untersuchungen, die aber im Sande verlaufen seien. Neben vielen andern sei auch der Name Egli aufgetaucht, so habe der örtliche Polizist geheissen, Landjäger, habe man damals gesagt, der in die Gegend versetzt worden sei und für den man nur ein mickriges Taglöhnerhaus übrig gehabt habe, für den Zugezogenen, obwohl die Familie zwei Söhne gehabt habe. Es gebe Stimmen, welche die Figur des Schloters dem älteren der Söhne zuordne. Und vielleicht habe Kassandra gerade darum von diesen Geschichten gehört, denn ihr Freund, der Polizeidirektor Sutter, sei, soweit habe sie die Sache in den Zeitungen von damals recherchieren können, zu jener Zeit als einfacher Polizist in die Ermittlungen involviert gewesen und er habe sich ziemlich deutlich gegen die Einstellung der Verfahren geäussert, weil er den älteren Egli für unschuldig gehalten habe. Er sei denn auch in dem Buch des örtlichen Schriftstellers schlecht weggekommen deshalb. Sie könne das nachlesen. Und sie schob das Buch über die narbige Metallplatte des Gartentisches. Kassandra liess es liegen. "Sieh mal an, der Herr Polizeidirektor!" murmelte sie und starrte gedankenverloren auf die reiche Fassade des Bären.

 

5

Die tiefstehende Herbstsonne hängte noch Wärme vor die grosse Front, so dass es durchaus noch auszuhalten war draussen. "Frölein!" Kassandra richtete sich plötzlich auf und Luzia kramte bereits nach der Tasche, aber Kassandra winkte ab. „Ich weiss nicht warum, aber mich dünkt, dass der Schlüssel zu der ganzen Geschichte hier im Bären liegt.“ Wie sie denn jetzt darauf komme, wollte Luzia wissen, von dem Gasthof sei in den ganzen Geschichten und auch in dem Geschreibsel über den Schloter nie die Rede gewesen. Eben, fand Kassandra, das mache es umso verdächtiger. Sie könne sich des Eindruckes nicht erwehren, dass da viel mehr und ganz etwas anderes im Hintergrund sei als das, was sie vermuten würden.

Von der Fassade wanderte ihr Blick zum Vorplatz und Kassandra dachte, dass die ganze Gartenwirtschaft doch einen recht verkommenen Eindruck mache, so, als werde sie gar nicht richtig genutzt: Die angerosteten Tische standen schief und wie zufällig unter den Bäumen herum, da und dort hingen von den Stühlen die Kunststoff-Seile der Sitze und Lehnen wie müde gewordene Würmer verbleicht herunter und nirgends war eine Menuekarte oder ein Aschenbecher zu sehen auf den Tischen, ganz zu schweigen von den üblichen Dekorationen. Das Ganze hier wirke doch wie eine Kullisse, meinte Kassandra. Und nochmals rief sie nach der Bedienung, denn es hatte sich im Hause gar nichts geregt auf ihren ersten Ruf hin.

Sie war schon drauf und dran, sich in der Gaststube zu erkundigen, als die noch Fülligere im Türrahmen erschien und hinüberspähte. "Exgüsé", rief Kassandra, und ob man vielleicht hier draussen doch noch etwas serviert bekäme, man habe ja nicht alle Tage noch so eitel Sonnenschein. Aber die Einheimische schien keinen Sinn für Poesie zu haben. Brummig watschelte sie näher und begann langatmig zu reklamieren, dass man nicht das Personal habe um Sonderwünsche – und überhaupt, was denn an der Sonne so apartig sei und ob man in der Stadt – "Exgüsé", wiederholte Kassandra, und ob sie die Wirtin sei. Die andere nickte unlustig und ob das etwas ändere. Äbe ja, meinte Kassandra, und man hätte gerne ein paar Auskünfte zu alten Geschichten gehabt und ob sie nicht hier – Die andere hob die massigen Schultern. Alte Geschichten, wen denn das schon interessiere. Hä ja, man arbeite halt an einer Sendung über den Schloter, sie kenne doch sicher das Buch. "Sendung?" fragte die Wirtin und Kassandra nickte eifrig: "Genau, Schweizer Fernsehen, wissen Sie". Luzia blickt angestrengt woanders hin. Dass Kassandra so gedruckt lügen konnte! Aber die Füllige war nicht auf den Kopf gefallen. Ja, wo denn die Kamera sei und ob man nicht – "Eben", sagte Kassandra, "wir recherchieren erst, wir erkundigen uns, wir schauen uns um. Erst danach werden wir entscheiden, was wir wo aufnehmen – aber ganz sicher werden wir eine Sequenz zum Bären einblenden. "Der Gasthof", sie betonte das Wort bewusst, "ihr Gasthof ist ja so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt hier im Tal, nicht wahr?"

Die Wirtin schaut über Kassandra hinweg ins Nichts. "Dreh- und Angelpunkt!" murmelte sie und damit schien etwas ausgelöst. "Wurst und Brot", kam es unvermittelt, und ob das vielleicht genehm sei. Man sei halt nicht so fürs Essen eingerichtet, meinte sie, als sie kurz darauf eine reichhaltige Platte auf den Tisch stellte. „Nicht fürs Essen?“ Kassandra zog die Brauen in die Höhe. Und nun geriet die Füllige in eine Jammertirade, von der sie wohl selbst überrumpelt wurde. Es sei eben nichts mehr wie früher und ausser dem Doktor komme sowieso niemand aus der Stadt und bei dem sei es einewäg etwas anderes und Leute bringe er nie mit, jedenfalls nicht solche Leute – sie verstummte plötzlich mitten im Satz und stand auf.

Aber Kassandra gedachte nicht so schnell aufzugeben und lenkte ab. Ob sie denn schon lange hier sei und ob sie das Dorf kennen würde, fragte sie in lockerem Ton. Die andere zögerte einen Moment und schaute wieder an den beiden Frauen vorbei. Aufgewachsen sei sie hier, sagte sie leise und wohl-wohl, da kenne man die Leute halt schon ein wenig, mit der Zeit. Ganz abwesend sprach sie und ihr Ton hatte sich verändert. Wie denn das sei, fuhr Kassandra behutsam weiter, ob der Doktor auch damals, als sie jung gewesen sei, schon – „Der Doktor?“ die Wirtin starrte sie mit grossen Augen an und Kassandra hätte geschworen, dass sie dabei ganz andere Dinge sah als ihr Gesicht, „der Doktor hat damit gar nichts zu tun!“ Ein bisschen hastig kam das, fand Kassandra und überhaupt war die Frau jetzt verändert. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze und ihr Ton hatte wieder etwas Jämmerliches: Man solle sie endlich in Ruhe lassen und sie könnten ja das Buch lesen, darin sei alles erklärt auch wenn der Pesche, der Schreiberling, behaupte, dass die Personen erfunden seien. Dabei sei er ja selbst auch dabei gewesen, damals. Kassandra atmete durch: Ob denn der Egli auch da verwickelt gewesen sei?

Wieder veränderte sich die Wirtin von einer Sekunde auf die andere, ihr fülliges Gesicht wurde fast mager und alle Farbe wich daraus. Der Egli, jedenfalls der ältere, der sei ein anderer Fall gewesen. „Der war ein guter Mensch,“ sagte sie mit seltsamer Wärme, er sei einfach unter die Räder gekommen, damals, bloss weil sein Alter ein Zugezogener gewesen sei, ein Landjäger, der hier hätte nach dem Rechten sehen sollen und das auch tat, ohne Unterscheidung des Ansehens und Vermögens und das hat man natürlich nicht gern. Aber gegen den Alten habe man nichts ausrichten können und da habe man halt alles auf den jungen geschoben, damals, obwohl der schon recht gewesen sei, sauber und gerade, wie der Vater, da könne der Pesche, der Schreiberling, hinschmieren was er wolle. Ob es denn, fragte Kassandra behutsam, ob es denn der Egli sei, den man gestern da hinten gefunden habe, hängen, im Heuboden der Scheune... Angst! Jetzt stand helle Angst in den Augen der andern. Mit einem kurzen Blickwechsel tauschten Kassandra und Luzia ihr Einverständnis dazu aus. Und die Stimme war schrill jetzt: Wie man denn darauf komme? Natürlich nicht, der sei ja nicht hier, den habe man ja damals – eben, er sei in Amerika gewesen, er sei noch, er sei, er habe, er würde nie – sie verhedderte sich in den Worten und dazwischen war es wie Schluchzen, und natürlich sei es der junge Egli gewesen, der kleine Bruder, der Taugenichts und Leichenfledderer und überhaupt ein ganz Halbseidener sei das gewesen und er habe jetzt die Quittung erhalten. Die Quittung! Sie schrie es beinahe hinaus und das blanke Entsetzen stand in ihrem Gesicht. Unstet irrten die Augen umher, fixierten plötzlich das Gesicht Kassandras und ihre Stimme wurde hart. Sie habe jetzt genug davon, dass man die alten Geschichten aufwärme und sie glaube überhaupt alle die Lügen nicht mehr, überall Lügen, im Fernsehen, in den Büchern, dieses Geschmiere. Lügen, nichts als Lügen, keifte sie weiter, jetzt schon ein wenig erschöpft, wieder weinerlich.

Aber trotzdem blieb sie, hockte versunken da. Man musste warten. Dann war die Stimme leise: In der Schule, im Dorf, immer habe man alles auf den Egli geschoben, ihm die Schuld zugeschoben, die Strafe. Er habe sich nicht wehren können, zu langsam sei er gewesen, zu verträumt, Schlafmütze habe man ihn geschimpft, der Schläfrige, habe man ihn genannt, auch da sei der Pesche, der Schreiberling, ungenau gewesen. Aber einmal sei es dann genug gewesen, damals, als man ihn wegen der Todesfälle verdächtigt habe, da sei Egli eines Tages verschwunden, einfach weg gewesen, und lange habe man nichts mehr gehört oder jedenfalls nur Gerüchte, er sollte in Italien gesehen worden sein, dann in Frankreich, schliesslich waren Briefe aus unbekannten Orten eingetroffen, die der Lehrer im Atlas suchte. Marokko, und die Briefe erzählten von Scharmützeln und einem Dasein als Legionär. Fremdenlegion. Die Briefe – die Frau wurde rot und Luzia verstand erst, als Kassandra mit leiser Stimme nachfragte und die Wirtin schliesslich eingestand, dass sie ihn getröstet habe in jener Nacht als – dass sie es aber nicht vermocht habe, ihn zurückzuhalten und dass er ihr versprochen habe, von sich hören zu lassen, dass aber eben jene Briefe nach Jahren die ersten Zeichen gewesen seien und da habe sie eben schon dem Hansjörg, dem Sohn des Bärenwirtes ihr Wort gegeben. Und es sei ja überhaupt nicht sicher, dass er jetzt zurück gekommen sei – das seien nur Gerüchte, niemand habe ihn wirklich gesehen, den Egli, den sie den Schläfrigen nannten, zu unrecht, so wach wie er sei keiner gewesen. Dann schwieg sie, als wäre damit endlich alles wieder gerade. Die Sonne blieb einen Augenblick in den Bäumen hängen und alles rundherum schien den Worten nachzulauschen, jenem Moment.

"Mutter!" Die Wirtin fuhr auf und unter einer Nebentüre mit der Aufschrift "Privat" stand ein lang Aufgeschossener und schon fuhr der Frau wieder die Röte ins Gesicht. "Mein Sohn!" sagte sie und Kassandra dachte, dass das allein kein Grund sei, rot zu werden. Ausser, wenn man eben gerade vom älteren Egli gesprochen hatte, der ersten und kurzen Liebe einer Bauerntochter im engen Voralpental. Und ist nicht die erste Liebe oft die Intensivste? Und was war, wenn davon ein Andenken blieb und der Liebste so fern und vielleicht schon tot war? Kassandra rief sich zur Ordnung und zügelte ihre galoppierende Phantasie. Warum aber stand Hoffnung in den Augen des Jungen? Wie alt mochte der Jüngling sein? Fünfundzwanzig, dreissig? Und wie alt waren die zwei gewesen, damals, die Wirtin und der ältere Egli, als er verschwand? War sie damals schon um die zwanzig gewesen oder gar... in Kassandras Kopf wirbelten Zahlen, aber die Ereignisse liessen ihr keine Zeit, "D’r Vatter isch zrügg" sagte die heisere Stimme von der Türe her und diesmal gefror das Gesicht der Wirtin. "I chume", gab sie Bescheid und heftig eilte sie zum Haus hin.

 

6

Luzia und Kassandra blieben sitzen und liessen die Bilder in den Köpfen vorbeiziehen. Wo war der Wirt gewesen? Wie hatte er denn reagiert, als er hörte, dass der ältere Egli wieder zurück sei? Denn dass er zurück war, da waren sich Luzia und Kassandra sicher. Was war da im Gange? Beide merkten gleichzeitig auf: Der Motor draussen auf den Wiesen war verstummt, kein noch so leises Geräusch war zu hören. Mit einemmal wurde Luzia bewusst, was das Wort Totenstille bedeutete. Alles rundherum schien den Atem anzuhalten: Es war ausgesprochen worden, endlich, nach Jahrzehnten hatte es jemand gewagt! Dann brach mit plötzlicher Urgewalt tobender Lärm aus dem Haus, Schläge, geschrieene Wort, Geschepper und zerbrechendes Geschirr. Die Haustüre wurde aufgerissen, der Brocken von einem Wirt erschien und stierte in den dämmrigen Garten. Luzia duckte sich automatisch abwehrbereit. Hinter dem Brocken peitschte eine Stimme Worte gegen den Rücken, einzelne Wort, aufgeben, sinnlos, genug, genug und immer wieder sinnlos, keinen Sinn, ohne Sinn und plötzlich war der Brocken verschwunden und die Wirtin stand im Rahmen wie eine Erscheinung von drüben. Unstet wanderten ihre Blicke umher, blieben dann an den Frauen hängen, Hände griffen fahrig nach den Stühlen und den Tischen, wie haltsuchend. Ein Geräusch aus einem der Fenster und schreiende Angst stand in den Augen der Wirtin: „Schnell“, keuchte sie, „ums Himmelswillen schnell!“ Und bevor Luzia die Geräusche richtig einordnen konnte, war Kassandra schon durch die Türe und hastete die Treppe zu den Zimmern hinauf. „Loslassen!“ schrie sie, „lass los du Teufel“ Holz spitterte, ein dumpfer Fall und wie ein fallender Fels krachte der Brocken von Wirt die Treppe hinunter und dann durch eine Türe.

Kassandra kniete über einer liegenden Frau und blickte auf. „Sie kommt wieder auf die Beine“, sagte sie, man brauche Wasser und einen Lappen. Die Wirtin hastete weg und Kassandra und Luzia legten die Frau aufs Bett. Blonde lange Haare, fremdes Gesicht, schlanker, leichter Körper und gemurmelte, fremde Wort. Als die Wirtin mit dem Wasser kam, tauchte endlich ihr Gesicht aus der Maske auf, ein weiches Gesicht, liebevoll. Abwesend strich sie mit dem nassen Lappen sanft über die Augen der Jungen. „Gottseidank“, flüsterte sie, „weg, endlich alles weg.“ „Alles?“ fragte Kassandra und zog die Brauen in die Höhe. „Unten“, fuhr die Wirtin fort, „ich zeigs euch, unten im Büro.“ Kassandra nickte. Vielleicht sei es besser, wenn Luzia mal hier bleibe, es scheine, als seien gewisse Leute zu allem entschlossen.“ Die Wirtin blickte sie starr an: „Drüben, flüsterte sie, „in den andern Zimmern sind noch mehr!“ Das Brüllen einer Stimme im Haus unterbrach sie: „Sauvieh! Verdammtes Dreckvieh!“ und dazwischen fauchte und zeterte eine Katzenstimme, die Kassandra kannte: Katerchen hatte angegriffen! Aber warum - dann schnupperte sie und ob jemand in der Nähe ein Feuer – „Jesses!“ Die Wirtin fuhr in die Höhe, „er wird doch nicht – „ und schon war sie an der Treppe! „Feuer!“ schrie eine Stimme unten, begleitet von kreischendem Katzenfauche, man hörte ein Kesseln und Rumpeln und dann rauschte Wasser. Die Wirtin hastete ans Telefon – tot, sagte sie und zeigte den Hörer. Kassandra hob ihr Mobiltelefon, machen wirs halt mit dem. „Kein Empfang“, sagte die Wirtin, „bloss draussen, drüben bei der Linde...“ Und Kassandra hastete aus der Türe. Draussen heulte der Motor eines grossen Wagens auf und Kies prasselte gegen die Hauswand.

Luzia hastete hinter Kassandra zur Treppe hin, als ein Fenster splitterte und gerade als eine Gestalt im Fensterrahmen auftauchte, war Luzia wieder beim Bett. „Gute Reise“, sagte sie, riss dem Einsteiger die Beine vom Boden und beförderte ihn mit einem schnellen Griff nach draussen. „Die Sprache wird er ja wohl verstehen!“ Da erschien auch schon Kassandra im Zimmer. „ Alles klar?“ fragte Luzia. „Die Saubande“, zischte Kassandra und Luzia hatte noch nie soviel Wut in ihrem Gesicht gesehen, „haben die Feuerwehr sabotiert, drei Traktoren vor der Garage und als man einen abschleppen wollte, flog er gleich in die Luft! Aber die haben nicht mit uns gerechnet! Zum Glück hat Katerchen eingegriffen, das Feuer ist klein geblieben.“ Und schon war sie wieder unten. Zögerlich waren die Männer aus den Nachbarhäusern angerückt, aber als sie gesehen hatten, dass der Wirt nicht da war, ging es schnell. Man hatte ein paar Jaucheschläuche angehängt und sofort war genug Wasser da. Zwar sahen das Office und die Geschäftsräume danach arg ramponiert aus, aber man würde wohl noch genügend Unterlagen finden. Ausserdem war es, als hörte man das ganze Dorf aufatmen, als bekannt wurde, dass sich der Wirt „zusammen mit den andern“ aus dem Staub gemacht habe.

Zuerst, sagte der Sohn mit seiner brüchigen Stimme, zuerst sei ein fremdes Auto gegen das Taunerhüsli gefahren, dorthin, wo man den Egli gefunden habe, vori grad, und er habe nicht gewusst, wer das sein könne. Ke Tschugger emu, habe er gedacht, meinte das Jüngelchen und drum sei er hinterher, mitem Töffli äbe, und da habe er gesehen, wie der Vater mit ein paar andern zusammengestanden sei, dort beim Taunerhüsli, wo man den Egli gefunden habe, er habe nicht alle erkannt, aber äs si so Herre derbi gsii, söttigi mit Krawatte u der Dokter ou! Dann seien die Herren eingestiegen und abgefahren und er habe den Vater davonhasten sehen. Aber da sei eben das chrutze Töffli wieder mal abgestanden und er habe zu Fuss zurückkommen müssen und gerade, als er angelangt sei, sei der Vater in die Küche getrappt mit einem ganz komischen Blick. Wohin denn der Vater jetzt gefahren sei, seiner Meinung nach. Kassandra spürte eine Unruhe wachsen. Der Sohn zögerte, aber als er sah, dass seine Mutter ganz verändert war, mit einer neuen Sicherheit aufrecht dortsass und aus der Gaststube erstmals seit langem wieder den ganz normalen Wirtshauslärm hörte, schluckte er: Ar Stadt zueche, dänkeni!

„Nun denn“, sagte Kassandra, Zeit, „dass wir zu einem Ende kommen!“ Sie stand auf, man komme dann zurück und ob man solange mit der Rechung warten könne. Die Wirtin legt ihr die Hand auf den Arm: Sie solle aber aufpassen, mit dene isch nid zgspasse, sagte sie leise. Aber da hatte Kassandra Luzia schon durch die Türe geschoben. Keine Bange, sagte sie, aber ohnehin sei der Spass nun zu Ende, nur müsse man jetzt schon äs bizzeli tifig machen, sie möge entschuldigen, aber das sei nun angebracht.

 

7

Dann endlich kam man zur Traumsequenz: Denn in der Stadt war grosser Jahrmarkt und wie in den Traumfetzen zogen lärmende und ausgelassene Menschen durch die Gassen und tummelten sich an Buden und in Zelten. Aber irgendwo in dem Trubel wurde eine Abrechnung vorbereitet.

Die Fahrt durch die Hügel schien bereits zu der Traumerscheinung zu gehören, so unwirklich waren die zögernden Striche der Hügelkanten im Dämmerlicht, so ohne Plan wand sich das unsichere Strassenband durch den Scherenschnittwald und entlang halbdurchsichtiger Mauern. Selbst die Strassenlichter der Aussenquartiere erschienen als böse flackernde Irrlichter, die Verwirrung stiften wollten. Luzia hatte immerhin den Herrn Polizeichef informieren können, der nun allen seinen Mut zusammennahm und angesichts der Gewissheit, dass man nun endlich die Hintermänner an der Gurgel habe, sich zur Missachtung der Weisungen von oben entschloss und seine Männer in den Trubel schickte.

Kassandra, welche die Stadt mittlerweile ein wenig kannte, zog Luzia zu einer Strassenecke, an welcher unweigerlich, wie sie sagte, jeder, der hier mitschwimme, vorbeikommen müsse. Und wie im Traumbild war da die Theke einer hastig errichteten Aussenbar, an der man ausschliesslich einen spanisch angehauchten Drink ausschenkte. Das Eis knirschte in die Plastikbecher und die Aushilfsbedienung hinter der Theke fummelte nach den Münzen in der Kasse, als Luzia Kassandra anstiess. Genau gegenüber hatte sie ein Gesicht erblickt, dessen eine Hälfte wirkte, als wäre sie mit einem Faden an einen Nagel über dem Kopf aufgehängt. Trötend und grölend näherte sich gerade eine Gruppe junger Leute, die einen Clown umringten. „Der letzte lustige Tag“, stand auf einem Pappschild, das er um den Hals trug und die Harlekine, die ihn begleiteten, plapperten alle Umstehenden an und fragten nach einem Poltergeschenk für ihren Kollegen, der leider morgen in den gebundenen Stand übergehen würde. Wie von Geisterhand tauchten in diesem Moment aus dem Gewühle immer weitere bekannte Gesichter auf, schwarzgekleidet oder in Hemd und Kittel und wie Treibholz auf der Flut erschien mittendrin eine Baskenmütze auf wildem Haarschopf, ein markantes Greisengesicht mit einer Zigarre in den wulstigen Lippen über einem rotleuchtenden T-Shirt mit dem schwarzen Portrait des kubanischen Revolutionärs. Schon blitzten die Messer auf, Eisenstangen, Fäuste um Totschläger gepresst reckten sich und enger und drohender drängte die ganze Meute auf die Bar zu. Luzia riss eine Trillepfeife hoch, liess sie aufschreien und sofort hechteten aus allen Ecken Maskierte in Kampfanzügen auf die Schlägertruppe, reihenweise gingen die Menschen zu Boden und Körperknäuel krachten in die Bar, die splitternd in Stücke ging. Und in diesem grossen Strudel lösten sich die Gespenster der vergangenen Jahre auf und die Masken fielen ab.

 

8

Auch der zähhaftende Traum war damit verschwunden, keines der Bilder war wieder aufgetaucht in dieser Nacht. Kassandra räkelte sich in der ungewohnt weichen Matraze und kämpfte sich dann durch umfangreiche Decken und Kissen aus dem altmodischen Bett und tappte über kühle Holzfliesen zum Fenster hin. Das Glas bestand aus mehreren kleinen Quadraten, die in einem Holzraster eingefügt waren. Kassandra stiess die altmodischen Fensterflügel auf: Vom Dunst weichgezeichnet schimmerten die gelbgrünen Lindenkronen vor der Fassade. Sie blickte dem stattlichen Bären, der aufgerichtet auf dem Podest an der Hausecke stand, direkt auf den Kopf. Sauber ausgerichtet standen die Metalltische und Simon, der Sohn, war schon mit Glaspapier und Pinsel daran, die gröbsten Rostflecken auszubessern. Dort, wo er fertig war, faltete die ehemals brummige Bedienung Stofftischtücher in verschiedenen Farben auseinander und steckte Karten in kleine Blumentöpfchen. Kassandra schmunzelte. Wie schnell sich das verändert hatte: War es wirklich erst gestern gewesen, dass man hier kaum ein Bier erhalten hatte? Die Frau unten blickte unvermittelt zur Fassade hinauf und strahlte übers ganze Gesicht, als sie Kassandra erblickte. Ob sie den Kaffee gleich hier draussen servieren solle?

„Na ja“, sagte Kassandra, als sie mit Luzia am Tisch sass und den Kaffee aus riesigen Ohrentassen trank. Tisch und Nebentisch waren überladen mit Frühstücks-Beilagen. Als ob wir von der Stallarbeit kämen! hatte sie gelacht. Aber die Wirtin war ernst geblieben: Es sei wohl mehr als die gröbste Bauernarbeit gewesen, was sie gestern geleistet hätten, meinte sie bestimmt und liess sich nicht davon abbringen, mehr und mehr aufzutischen. „Na ja“, sagte Kassandra also, „so ganz verlassen kann man sich auf die Traumgespinste denn doch nicht! Das war ein ziemlich wildes Gemischel.“ Aber Luzia grinste: „Nun, es ist ja eigentlich alles vorgekommen, die Zirkusclowns, das Menschengetümmel, der Doktor, der stumpenrauchende Greis namens Snoozy – nur eben stimmte die Zuordnung nicht ganz. Gemordet hat nicht der Greis sondern die smarte Gesellschaft des Doktors, der auch nicht ein eigentlicher Röntgenarzt ist, jedenfalls nicht spezialisiert, wenn er auch in dem kleinen Provinzspital wohl überall reinpfuscht, die Clowns kamen nicht aus dem Zirkus und der Umzug war eher so eine Art Saubannerzug...“ - „... der bei einem Haar in einem Lynchmord geendet hätte!“ ergänzte Kassandra. „Nur gut, dass Sutter über seinen Schatten gesprungen ist und seine Jungs rechtzeitig da waren!“

„Genau“, sagt da eine Stimme in ihrem Rücken, „da ist man dann doch froh über den Alten, nicht wahr?“ Aber für einmal war der Tonfall weder grimmig noch beleidigt, sondern zeugte von einer ausnehmend guten Laune. „Na,“ fügte der Polizeichef in einem seltenen Anfall von Neckerei hinzu, „das sieht ja hier aus wie in einem all-inclusive-Urlaub!“ „Besser!“ strahlte Kassandra und er solle sich doch bitte hinsetzen, denn wie gesagt, eigentlich hätte er den Hauptverdienst am glücklichen Ausgang.

Und diesen Moment vergass Kassandra dann nicht so schnell: Der Herr Polizeipräsident wurde tatsächlich verlegen und wehrte ab. Man solle nicht so ein Tamtam machen, meinte er, schliesslich habe man die ganze Gesellschaft schon seit Jahren auf dem Radar gehabt, jedenfalls er selbst, es sei schon fast so etwas wie ein Hobby gewesen, seit er in jenen frühen Jahren auf eine beschämende Art kaltgestellt worden sei. Nur habe er nie richtig zugreifen können, sowieso nicht bei jenen anfänglich kleinen Gaunereien mit gepanschter Milch, nicht ganz sauberen Fleischgeschäften, auch nicht bei den immer umfangreicheren Betrügereien mit staatlichen Zuschüssen, bei den seltsamen Todesfällen und sogar beim jüngsten Geschäftszweig, der Beschaffung von Frauen für örtliche Bordelle und verschiedensten Drogen und Suchtmitteln. Immer hätten es die Köpfe der ganzen Gesellschaft verstanden, sich Rückendeckung bis hinauf in höchste Kreise zu verschaffen. Es seien ja auch zahlreiche Politiker und hohe Beamte involviert gewesen. Immerhin sei denen der Boden nun doch zu heiss geworden, so dass er, Sutter, gerade noch rechtzeitig seine Handlungsfreiheit wieder habe gewinnen können. Aber die Aufdeckung des Dreh- und Angelpunktes im Bären, das müsse er gestehen, das sei ganz allein das Verdienst von Kassandra und Luzia gewesen, denn darauf sei er nicht gekommen, obwohl er immer den Verdacht gehabt habe, es müsse da irgendwo eine Institution zur Reinwaschung der Einnahmen geben. Aber man habe halt mehr in den einschlägigen Kreisen gesucht.

„Ein weiterer Mangel des Traumes“, sagte Luzia lachend, der Bären kam dort auch nicht vor.“ „Aber Snoozy“, sagte Kassandra, „der war so quasi der Wegweiser, ohne ihn hätte die Wirtin wohl noch lange geschwiegen.“ Und dass sein Bruder sich entschlossen habe, zu reden, habe die ganze Sache doch erst ins Rollen gebracht. Plötzlich hätten die Leute handeln müssen. Und wenn man mal mit dem Beseitigen von Mitwissern beginnen müsse, dann trete man eine Lawine los, die einen unweigerlich überrolle.

Das Frühstück zog sich hin und man liess sich auch Zeit. Reichlich floss der Kaffee und nach und nach fanden sich wie zufällig immer mehr Leute aus der Gegend im Garten des Bären ein, so dass eine Art Herbstfest entstand, das von diesem Tag an ein fester Anlass  im Jahreslauf wurde. Und ganz selbstverständlich war die Wirtin zusammen mit dem Mann mit dem Greisengesicht aufgetaucht und mit einem Mal war es, als hätte es die dunklen Jahre nie gegeben. Die Hügel und Matten, die Wiesenfinger und das Waldmeer glänzten in einer warmen Herbstsonne, wie man sie gar noch nie gesehen habe, behauptete Simon. Jedenfalls kamen auch Kassandra und Luzia an diesem Tag nicht los von dem Gasthaus und noch einmal versanken sie in den weichen altertümlichen Betten der Holzkammern.

 

Epilog

Erst Wochen danach trafen sich Kassandra und Luzia wieder in der belebten Beiz auf ein Bier. Es sei, wie es in solchen Fällen immer sei, sagte Kassandra und starrte für einen Moment etwas verdriesslich in ihr Bier. Aber Luzia lachte: Was du noch immer von der Menscheit erwartest! Zwar kommen die wirklichen Drahtzieher einmal mehr fast ungeschoren davon, man sucht sich ein paar unbedeutende Sündenböcke und alle, die jahrelang profitiert oder auch nur geschwiegen oder weggesehen haben, verkünden jetzt lauthals ihre Unschuld. Aber immerhin, sagte Luzia, immerhin hat doch zumindest für zwei Betroffene die Geschichte ihr Leben zum Guten gewendet. Jetzt schmunzelte auch Kassandra, wenn sie an das Bild der Wirtin mit dem greisengesichtigen Revolutionär an ihrer Seite unter den Lindenbäumen vor dem Bären dachte.

Drüben aber, an der Bar wandten einige ihre Gesichter ab und kippten verdrückt ihr Bier. Ihre Gesichter waren noch schiefer als sonst und wenn jemand nach dem Schläfrigen fragte, wussten sie nicht, wer gemeint sein sollte. Nur das Gesicht, dessen eine Hälfte an einem Faden hochgezogen an einem Nagel hing, fehlte. Aber darüber gab es keine Schlagzeilen und auch der regionale Schriftsteller schrieb dazu nichts.

 

Langenthal, August 2015


 

 

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