Thonbrot um elf

Ein Fall für Kassandra Schwarz (4)

1

Noch einmal hat sich der Sommer zu Wort gemeldet. Schon am frühen Morgen beginnt die Nässe zu verdampfen und für eine Stunde oder etwas mehr hat sich unüblicher Nebel in die Stadt eingenistet. Aber die Sonne setzt sich dann doch durch, die milchige Scheibe wird zunehmend glühend und Kassandra atmet auf: Ihr vormittäglicher Espresso vor dem Bahnhof ist gerettet.

 

Und eigentlich ist auch nicht der Nebel schuld daran, dass sie später als üblich unterwegs ist. Zu Luzia, ihrer engsten Freundin, meint sie später, dass es diese besondere Gesetzmässigkeit gewesen sei, die immer dafür sorge, dass sie zur Stelle sei, wenn etwas Rätselhaftes geschehe. Luzia glaubt allerdings nicht so richtig daran. "Viel mehr ist es so", sagt sie, "dass du immer und überall und in jedes Ereignis eine rätselhafte Geschichte hineindichtest – wobei zugegeben werden muss, dass es sich dann meistens tatsächlich als rätselhafte Geschichte herausstellt."

 

"Das kommt daher", entgegnet Kassandra ebenso regelmässig, "dass die Menschen nicht mehr fähig sind, zu beobachten. Brecht – vielleicht kennst du denn noch? Ein ziemlich verquerer Denker und Schreiber aus dem letzten Jahrhundert – Brecht also nennt es die vergessene Kunst der Beobachtung der Dinge. Wenn du ein Kunstwerk verstehen willst, muss du lernen, so zu beobachten wie der Künstler. Und genau dasselbe gilt für die Wahrnehmung von Menschen."

 

Da war also dieses Ereignis an dem zwischen Regentage geschobenen verspäteten Sommermorgen in dem Bahnhofbistro der Provinzstadt, in der Kassandra seit einigen Jahren wohnte. Es war kurz nach elf, als plötzlich wie bei einer Explosion im Innern des Lokals die Teller fliegen, Scherben splittern und ein Thonbrötchen an die Scheibe klatscht. Es war nicht, wie die meisten nun denken werden, das Kind, das ungezogen das Essen verweigert und um sich schlägt, im Gegenteil, es freute sich sehr auf das Brötchen, hat mit glänzenden Augen schon die Gabel mit dem ersten Bissen zum Mund gehoben, da schoss wie ein lebendiges Torpedo eine der Serviererinnen heran und brachte Teller, Thonbrot und Kind zur Explosion. Und während alle auf das Chaos blickten und der Geschäftsführer heranhastete, schaute Kassandra gebannt auf die Augen dieser Serviererin. Blanke Panik signalisierten diese Augen, eine gewaltige Angst und irgendwo untergründig auch einen nicht unbedeutenden Funken Hass. Und Kassandra kennt mittlerweile diese scheinbar intakten Orte fern der grossen Städte gut genug um zu wissen, dass hier die Dinge meistens genau so weit unter der unschuldigen Oberfläche verborgen liegen wie dieser Hass in den Augen der Serviererin.

 

 

2

Auch als schon eine halbe Stunde später alles geregelt war, der Boden aufgewischt, das Kind beruhigt und mit einem neuen, extragrossen Thonbrot belohnt, die Serviererin von der Polizei mitgenommen, liessen die Augen Kassandra nicht los. Alarmsignale in dem ordentlichen, ganz passablen Gesicht, in dem allerdings ein nervöses Zucken hing. Nicht unordentlich im übrigen die ganze Erscheinung, zwar bereits über die besten Jahre hinaus, aber dennoch mit einer gewissen Ausstrahlung. Jemand, der sich nicht gehen lässt, dachte Kassandra, jemand, der noch immer sorgfältig auf sein Äusseres achtet, als ob sie noch immer hoffen würde, dass das Leben nochmals etwas für sie bereithält. Warum ist sich Kassandra so sicher, dass die Frau alleine lebt und dass sie schon einiges an Erfahrung und Vergangenheit hat? Und warum könnte sie beschwören, dass sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat?

 

Eben weil Kassandra unverbesserlich ist, was ihre Ahnungen betrifft, beschloss sie gegen drei Uhr, sich nach der Frau zu erkundigen und zu diesem Zweck ihre Bekanntschaft mit dem Grossen Chef, wie sie ihn nennt, mit dem Herrn Polizeikommandanten Sutter zu erneuern. Ich bring ihm auch einen Gruss von dir mit, versicherte sie Katerchen, der schnurrend wissen wollte, wohin es Kassandra zog. Katerchen ist sehr einverstanden. Schliesslich beruht die Bekanntschaft mit Sutter auf dem Kontakt von Katerchen zu dessen langhaariger Katzenschönheit, die dem Beamten einen Wurf herrlicher Katzengeschöpfe bescherte, kaum dass Kassandra in den Ort gezügelt war.

 

Sutter knurrte. Was zum Teufel sie sich für dieses Weib interessiere. Eine, die am hellen Vormittag durchdrehe und die irgendwelche abstrusen Geschichten erzähle, eine für die Spinnwinde! Die könne einem den ganzen Tag versauen, wo man doch ohnehin nichts zu lachen habe und es werde ja sowieso immer schlimmer in dem verdammten Land, wenn nun auch hier die Politiker anfangen würden, sich die Köpfe einzuschlagen. Kassandra nickte brav zu den Ergüssen. Was denn die Frau zu erzählen gehabt habe, wollte sie schliesslich wissen. "Hä ja", pfurrte der andere auf, "Ammenmärchen halt, eben gerade zu der verfluchten Politikergeschichte! Da erfindet sich ja sowieso jede Frau Bünzli, die zuviele billige Krimis liest, ihre eigene Story dazu!"

 

Die Politikergeschichte: Kassandra bröselte sich zusammen, was sie aus der Presse erfahren hat. Da ist einer angefahren worden, ein Velofahrer, vor zwei Tagen, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. War nicht unbekannt, der auf dem Velo, Jeremias Schlatter, war immer mal wieder die Rede von ihm, bei Anlässen, wenn irgendwas Grosses von Stapel lief und neuestens eben auch in der Politik. Und nun hiess es, einer der Altgedienten habe ihn abgeschossen, habe ihn aus dem Weg räumen wollen, absichtlich mit dem Auto angefahren. "Wo ist der Unfall nun auch schon wieder geschehen?" fragte Kassandra nach. "Unfall?" Sutter verdrehte die Augen, "wenn es wenigstens ein Unfall gewesen wäre!" Aber es sehe ganz danach aus, als habe der Alte den Jungen gezielt abgeschossen, als der mit seinem Velo unterwegs gewesen sei. Der Untersuchungsbericht zum Auto müsse jeden Moment eintreffen. Und er sei sich sicher! Obwohl der Alte irgendwas von Parkschaden fabuliere, auch so Geschichten, die sich jeder erfinde! Aber man habe schliesslich rote Lackteilchen gefunden am Velo und dem seine Karre sei auch rot lackiert. Obendrein habe er noch am Morgen danach 0,8 Promille gehabt! "Wo", fragte Kassandra nochmals, da trat ein junger Beamter ein, unsicher, ein Papierbündel in der Hand.

 

Sutter knurrte nur kurz: "Gib her!", riss die Papiere an sich und überflog ein paar Zeilen, dann warf er die Blätter auf den Tisch. "Haben wir die Sauerei!" Kassandra schaute die Beamten fragend an und es ist der Junge, der sich schliesslich zu einem Satz herabliess: "Es ist tatsächlich ein Parkschaden – jedenfalls keine Spur von menschlichem Material".

3

"Wie die sich ausdrücken!" Kassandra schüttelte den Kopf, "menschliches Material hat der Kerl tatsächlich gesagt!" "Aber du kennst sie nun doch schon", wunderte sich Luzia, die auf Kassandras Anruf hin in den Zug gesprungen und hergefahren war. "Trotzdem", Kassandra schluckte den Espresso in einem Zug, " man soll nie aufhören, sich zu entrüsten!" "Und du meinst also," hängte Luzia an die vorherige Unterhaltung an, "du meinst also, dass diese Thonbrotgeschichte etwas mit dem Politikerstreit zu tun hat?"

 

Kassandra holte eine Plastiktüte hervor. "Ich meine nie etwas," gab sie zurück, "ich halte nur die Sinne wach und versuche, die Menschen zu verstehen. Warum also schlägt an einem Vormittag um elf eine bis dahin völlig unbescholtene Serviererin, die weder einen besonders schlechten noch einen besonders guten Tag hat, einem Kind, das sie nicht kennt und das sie nicht einmal bedient hat – denn bedient wurde das Kind von ihrer Arbeitskollegin – warum also schlägt sie ihm den Teller mit einem Thonbrot aus der Hand genau in dem Augenblick, als das Kind den ersten Bissen essen will?" Luzia zuckte die Schultern: "Gibt es immer wieder, dass Menschen plötzlich austicken!" "Und der Velofahrer ist hier, direkt vor dem Bahnhof angefahren worden" sagte Kassandra und schob die Tüte über den Tisch. "Kannst du dir das nicht mal etwas genauer anschauen?"

 

Luzia linste in die Tüte: Ein undefinierbarer, bräunlicher Brei. "Die Reste des Thon-brotes – jedenfalls meint die Arbeitskollegin unserer Täterin, es müsse das Brötchen sein. Steckte bereits im Abfallsack. Zwar versteht Sutters Team sein Handwerk zweifellos, aber man sieht daraus wieder mal, dass Handwerk allein nicht reicht." "Du meinst – " Luzia starrte auf den zermantschten Brei, "du meinst, in dem Brötchen sei – " "Die Serviererin hat der Polizei irgendwas von einem Kunden erzählt, der immer um elf ein Thonbrot essen komme und auf den sie offenbar nicht so gut zu sprechen ist. Ziemlich wirr, sagt der Grosse Chef. Du kannst sowas doch noch?"

 

Luzia, die gelernte Biolaborantin, nickte. "Ich schau mal bei Sven vorbei. Noch heute?" "Wenns irgendwie geht!" Kassandra stand auf. "Und ich, ich schau mal in der sogenannten Spinnwinde vorbei!"

 

 

4

"Die Frau Meier?" fragte das junge Ding hinterm Schalterglas, auf dem in mattweissen Buchstaben 'Psychiatrische Notaufnahme' stand. Auch noch Meier! Normaler geht’s nicht. Hatte Sutter mit seiner 'Frau Bünzli' etwa darauf angespielt? "Sind Sie verwandt?" fragte das Mädchen. Kassandra nickte: "Sie ist meine Gotte." "Oh", die andere wimperte mit den blaubemalten Augendeckeln, "das tut mir leid." Der Tonfall sprach aber mehr von Gleichgültigkeit. "Es ist schon jemand hinten," sagte sie dann, "ihr Bruder."

 

Ein Lämpchen begann in Kassandras Denken zu blinken. "Ihr Bruder?" fragte sie. Die andere nickte: "Obwohl, unter uns gesagt, sie gleichen sich überhaupt nicht." Sie schob Kassandra einen Zettel hin: "Bitte tragen sie sich hier ein", flötete sie. "Hat ihr Bruder das auch getan?" "Natürlich, hier müssen sich alle Besuchenden eintragen, Vorsichtsmassnahme, verstehen Sie". Kassandra verstand ganz und gar nicht. Die andere schob einen Zettel ans Glas: Romeo Meier, las Kassandra. Offensichtlich frei erfunden. Das konnte sie auch: Julia Meier, kritzelte sie auf den Zettel. "Unsere Familie liebte Shakespeare", sagte sie, als sie den skeptischen Blick des Fräuleins bemerkte und wandte sich gegen den Korridor. "A hundertelf" rief ihr die Schalterstimme hinterher.

 

Gerade als Kassandra auf der Höhe der Türe A110 angekommen war, öffnete sich die nächste Türe und ein geschniegelter Bursche erschien, blickte sich hastig um, fixierte Kassandra einen Augenblick lang unangenehm und eilte dann in die entgegengesetzte Richtung davon. Schwarze, nach hinten gegeelte Haare, ein winziges Schnauzbärtchen und stechend scharfe Augen, gut, zu gut gekleidet mit einem modischen Tüchlein im Hemdausschnitt, das war alles, was Kassandra an Eindrücken erhaschen konnte. Sie öffnete ihrerseits die Türe zu A 111.

 

"Einen Notarzt?" das Mädchen hinter dem Schalter starrte Kassandra aus schreckgeweiteten Augen an, als wäre hier nicht der Empfangsschalter einer Klinik sondern das Steuerbüro oder die Einwohnerkontrolle, "aber weshalb..." "Schnell," drängte Kassandra, "Frau Meier ist zusammengebrochen!" Sie eilte den Korridor zurück, "im A hundertelf!" rief sie über die Schulter zurück.

 

"Seltsam, seltsam," sagte der Weissgekittelte und musterte Kassandra, "und Sie sind also ihre Nichte?" "Das tut jetzt nichts zur Sache," wich Kassandra aus, "als ich fast hier bei der Türe war, kam ein Mann hier raus, der es sehr eilig hatte – gibt es hinten einen Ausgang?" Der Weisskittel schwankte immer noch in seinem Vertrauen. "Na ja," sagte er, "eigentlich nicht. Es gibt nur die Verbindungstüre zum Personaltrakt und die ist normalerweise nur mit einem Batch zu öffnen." "Normalerweise?" fragte Kassandra. "Tja", sagte der Arzt und entschloss sich nun doch zum Vertrauen, "als ich jetzt hierher geeilt bin, war die Türe offen – aufgewürgt. Muss ziemliche Gewalt angewendet worden sein!" "Und was ist mit ihr?" fragte Kassandra und deutete auf die zusammengesunkene Gestalt auf dem Bett, das neben einer spitalweissen Kommode das einzige Möbelstück im Zimmer war.

 

Zwei Assistentinnen machten sich mit medizinischem Gerät zu schaffen. Der Arzt zuckte die Schultern: "Ganz atypisch", sagte er, "eigentlich hätte sie gleich wieder entlassen werden können. Alle Tests zeigten normale Resultate, keine Anzeichen von Verwirrung oder ähnlichem. Auch kein Nervenzusammenbruch. Weshalb das hier – " Eine der Assistentinnen winkt ihm. Der Arzt beugte sich über den Arm der Patientin und schaute dann zu Kassandra hin. "Haben Sie das getan?" fragte er in plötzlich eisigem Ton und er deutete auf die Einstichstelle in der Armbeuge.

 

"Ich glaube", sagte Kassandra, "es ist Zeit, dass Sie die Polizei anrufen. Sagen Sie dem Chef, Kassandra Schwarz sei hier. Er wird zwar nicht begeistert sein, aber wenigstens wird er dann gleich selbst auftauchen!" Genau in diesem Moment bäumte sich die Frau unerwartet auf, sie begann zu keuchen und zu stammeln. 'Tschingg", sagte sie, immer und immer wieder, 'Tschingg' – und plötzlich wurde es Kassandra bewusst, wie ihr der Mann aus dem Zimmer vorgekommen war: Wie ein Italiener – oder eben ein 'Tschingg', wie man vor allem hier auf dem Lande die italienischen Fremdarbeiter seinerzeit bezeichnet hatte.

 

 

5

"Also", knurrte Sutter, "du behauptest, es sei einer der aussah wie ein Italiener aus dem Zimmer gekommen und schleunigst verduftet, als er dich sah?" Kassandra nickte. "Und die hier redet auch von einem Italiener?" Wie zur Bestätigung fuhr die Frau auf dem Bett plötzlich hoch: "Tschingg! Tschingg!" schluchzte sie. Blonde Haare, die vor Schweiss strähnig nass waren, ein verzerrtes Gesicht, das trotz allem immer noch gut proportioniert war, eine deutliche Brust hob und senkte sich panisch. Wirklich, wenn sie sich ein wenig pflegen würde, sähe sie nicht wie eine fünfzigjährige Verhärmte aus. "Immer diese Weiber, die zuviele Krimis – " der Polizist hielt inne, als er Kassandras Blick bemerkte. "Ist ja gut," sagte er hastig, "aber gerade glaubwürdig ist das nicht, findest du nicht auch? Der grosse Unbekannte – ha, ha. Und dann noch ein Italiener!" "Es muss ein starkes Haluzinogen sein, das man ihr gespritzt hat", mischte sich der Arzt ein und schob sich demonstrativ neben den Kommandanten. "Und Sie wissen nichts davon?" Kassandra entging der aggressive Unterton der Frage nicht und sie schaute dem andern gerade in die Augen. "Sie tun ihren Job und der hier," eine Kinnbewegung zum Polizisten hin, "der soll den seinen tun!" "Ich habe noch jedesmal – "fuhr dieser auf. "Ich weiss," unterbrach ihn Kassandra, "du hast noch jedesmal am Ende zugeben müssen, dass ich recht hatte. Ist es nicht so?" Der andere brummelte etwas.

 

"Mann, so denk doch mal nach!" fuhr Kassandra fort, "nach einem Streit wird ein Mann auf dem Fahrrad gegen zwei Uhr nachts direkt vor dem Bahnhofscafé angefahren und schwer verletzt. Ein Verdächtiger aus dem Umfeld des Verletzten wird verhaftet, weil der vordere Kotflügel seines Autos beschädigt ist und dieses rot ist wie die Lackteilchen, die man am Fahrrad findet. Kaum wird das bekannt, schlägt in besagtem Bahnhofscafé eine Serviererin vormittags um elf in panischer Angst einem Kind ein Thonbrötchen aus der Hand. Die Alibi-Geschichte des Tatverdächtigen vom Parkschaden erweist sich als wahr. Die Serviererin wird in die psychiatrische Notaufnahme eingeliefert, wo man keine Anzeichen für Verwirrung, Krankheit oder Nervenschwäche findet. Das angebliche Gottenmädchen der Serviererin kommt zufällig in jenem Moment zum Zimmer der Serviererin, als dort ein italienischer Typ herauskommt, ebenso angeblich ihr Bruder, und durch den Hinterausgang abhaut. Kaum ist er weg, bricht die Serviererin zusammen und faselt immer wieder etwas von einem 'Tschingg', was, wie ihr vielleicht noch wisst, in den 70igern die hier übliche Bezeichung für die italienischen Gastarbeiter war. Der alarmierte Arzt findet am Arm der Serviererin die Spuren eines Einstichs und er vermutet, dass ihr ein starkes Haluzinogen verarbreicht wurde. Hätte man das nicht sofort bemerkt, wäre wahrscheinlich der Tod oder zumindest eine dauernde Schädigung die Folge gewesen. Und – "Ein Telefonklingeln unterbrach den Vortrag.

 

Kassandra zog ihr Mobilteil heraus: "Luzia? – Ja – doch – also –nur ruhig! Super, ich gebs grad weiter! Danke! Ja – ja – gut, um fünf im Bahnhofscafé! Genau" Sie wandte sich dem Polizisten zu, der sich eben halblaut mit dem Arzt zu unterhalten begann. "Und ausserdem," sagte Kassandra betont langsam, "und ausserdem hat meine Freundin, die gelernte Laborantin ist, in den Überresten des besagten Thonbrotes, das von der Polizei im Abfallsack des Cafés entsorgt wurde, eine heftige Dosis Arsen gefunden."

 

 

6

"Und Sie sind sich ganz sicher?" fragte der Polizeikommandant und kippte sich ein weiteres Kübelchen Crème in seine milchige Kaffeebrühe. Kassandra schüttelte sich. Dass der das trinken konnte! Der Espresso war hier nämlich stark und dunkel.

 

Luzia war mit ziemlich bleichem Gesicht aus dem Zug gestiegen und hatte den Schnaps, den ihr Kassandra neben den kleinen Schwarzen gestellt hatte, sofort und ohne Bedenken in einem Zug gekippt. Kassandra schob die Tüte dem Polizisten zur Tasse hin: "Es hat noch davon, kannst ja dein Labor auch noch bemühen, wenn du's nicht glaubst!" Der andere zuckte die Schulter: "Hä ja, damit wirs dann amtlich haben, falls – aber sag mal, was soll denn das Ganze hier mit dem andern Fall zu tun haben?" Kassandra lächelte: "Vielleicht gar nichts – und vielleicht alles? Wie wärs, wenn man Schritt für Schritt vorginge?" Sutter wurde ärgerlich: "Tun wir immer – also, wie meinst du das denn?" "Nun, mich zum Beispiel würde interessieren, wer denn dieser Kunde war, von dem die Serviererin gefaselt hat, was es mit dem "Tschingg" auf sich hat, warum in beiden Fällen diese Kneipe hier Schauplatz ist oder zumindest gleich beim Schauplatz liegt, ist das Zufall oder vielleicht doch mehr? Ausserdem würde mich das Leben der Serviererin ein wenig genauer interessieren – und darum kümmern wir uns jetzt. Vielleicht bist du ja so freundlich, und nimmst dich der andern Fragen an?"

 

Der Polizist starrte sie einen Moment lang bullig an, packte dann die Tasse, kippte das Gebräu in einem Zug und stand auf. "Hätten sich bloss diese verdammten Katzen nie getroffen – nichts als Ärger hab ich seither!" "Ich werds Katerchen ausrichten", sagte Kassandra, aber der andere stapfte schon über den Vorplatz davon, auf dem noch immer die Kreidezeichen die Lage des Angefahrenen markierten.

 

Die zweite Serviererin war skeptisch und sie war nur schwer dazu zu bringen, mitzukommen."Ich weiss ja fast nichts von ihr", wich sie aus und sie müsse dringend einkaufen und der Wäscheplan – und ob sie wüssten, wie das sei, alleinstehend mit einem solchen Job... "Es ist ja gleich um die Ecke", untertrieb Kassandra ein wenig. Missmutig tappte die Angestellte schliesslich mit, aber schon an der ersten Strassenecke wurde sie ungeduldig: "Sie sagten doch – " "Wir sind gleich da," beruhigte Kassandra, aber sie war doch froh, dass wirklich kurz darauf das grosse Tor der alten Kaserne auftauchte.

 

"Hier wohnen Sie?" fragte die Frau überrascht und zögerte. Kassandra schob sie sanft weiter: "Es ist gar nicht mehr militärisch," sagte sie, "Sie werdens gleich sehen!" Als man dann oben in Kassandras Dachwohnung war und über die Giebel der Altstadt hinweg zum Fluss und weiter bis hinüber zur fernen Hügelkette sah, welche das breite Flusstal begrenzte, da taute sie auf. Und als dann noch Katerchen um ihre Beine strich und schnurrend nach Aufmerksamkeit gurrte, da war es vollends um sie geschehen. "Sie haben auch Katzen?" sagte sie mit aufglühenden Augen. "Eine," sagte Kassandra, "eine genügt vollkommen! Katerchen hat die Intelligenz von fünf normalen Katzen!"

 

Und über das Gespräch zur Intelligenz der Katzen fand sich wie von selbst der Faden zur Kollegin. "Leicht", sagte sie, "leicht hat sie's ja beileibe nicht! Nachdem der Gauner abgehauen ist – " "Der Gauner?" Kassandra zog die Brauen hoch. "Na ja," sagte Elvira, man war zu den Vornamen übergegangen, " na ja, so haben wir ihm gesagt, der Chef und ich. Er hat sie nur ausgenutzt, hockte zu Hause rum und jammerte in einem fort. Schmerzen habe er und sozusagen Dauermigräne. Wobei, unter uns gesagt, die Migräneanfälle immer direkt mit Arbeit zu tun hatten. Sobald welche in Sicht war, stellte sich zuverlässig die fürchterliche Migräne ein!" "Und" fragte Kassandra," hat sie ihn rausgeschmissen?"

 

Elvira schüttelte den Kopf. Dünne schwarze Haafäden flossen an ihrem Schädel herunter und auch sonst war ihr Pferdegesicht nicht gerade schön zu nennen. Aber sie hatte ausdrucksvolle tiefschwarze Augen und ihre Hände waren von einer imponierenden Beredsamkeit. In einer verzweifelten Geste hob sie sie jetzt in die Höhe: "Rausgeschmissen? Eben nicht! Wir habens ihr immer wieder gesagt, der Wülser und ich – Wülser, das ist der Chef. Ein guter Kerl, steht immer hinter uns, wenn der Konzern mal wieder eine Glanzidee hat!" Kassandra lenkte sachte den Erzählstrom. Von Wäsche oder Einkauf war jetzt nicht mehr die Rede, und als Luzia mit Kaffee und Kuchen aus der Küche kam, griff Elvira auf eine Art zu, die Bände sprach: Oft wurde sie bestimmt nicht zu einem solchen Tratsch eingeladen.

 

Erst nach fast zwei Stunden schrak die Spanierin - sie war nämlich vor Jahren einem Mann in dieses Land gefolgt und geblieben, obwohl er sie sogleich hatte sitzen lassen – auf und meinte, das sie nun gehen müsse. Und obwohl Kassandra sie zum Essen einladen wollte, war sie nicht zum Bleiben zu bewegen. Aber ein anderes Mal, das war deutlich zu sehen, ein anderes Mal würde sie bestimmt kommen. Und Kassandra nahm sich vor, das gleich nach Abschluss dieses Falles zu tun.

 

 

7

Denn auf jeden Fall hatte sie ihnen weitergeholfen, darüber waren sich Kassandra und Luzia sogleich einig. Dass die Aktion mit dem Thonbrot so gar nicht zu Marie – der Frau Meier also – gepasst hatte. Dass sie schon seit zwei Tagen ganz ungewohnt fahrig gewesen sei. Seit Mittwoch also? Die Spanierin überlegt," ja," sagt sie dann, "seit Mittwoch, genau." Sie habe, sagt sie dann nachdenklich, sie habe sich aber auch unüblich stark für die Politikergeschichte interessiert, das sei ihr noch aufgefallen. Irgendwie erregt habe sie gewirkt und dabei habe sie sich nie auch nur im Entferntesten um diese Dinge gekümmert. Sie habe zuerst gedacht, sie hätte den Jungen gekannt, der angefahren worden sei, aber sie sei mittlerweile sicher, dass das nicht sein könne.

 

Kassandra will nun ganz genau wissen, wie die Zeit vor dem Thonbrotunfall, sie sagt wirklich "Unfall", im einzelnen abgelaufen sei und die Spanierin bemüht sich sehr. Normal sei die Marie wieder gewesen an jenem Morgen, fast unüblich unbeschwert. Es sei ihr aufgefallen, weil sie alle belegten Brote alleine gemacht habe, das sei sonst nicht üblich, sie würden einander immer helfen dabei. Aber Marie habe fast darauf bestanden und sie, Elvira, habe daraufhin draussen schon mal die Vitrine geputzt. Ja, sagt sie, richtig aufgekratzt sei Marie gewesen. Sie habe sogar erzählt, dass der Gauner, eben ihr Verflossener, nun wohl endgültig weg sei, seit Tagen sei er nicht mehr gekommen und sie würde nun seit dem Wochenende auch den Schlüssel nachts nicht mehr unter die Fussmatte legen.

 

"Sie hat den Schlüssel am Abend unter die Matte gelegt?" Elvira nickt. Sie habe ihr gesagt, dass sie doch damit aufhören solle, das sei doch keine Art und er würde auf diese Art mal noch verloren gehen, weil sie ihn nämlich jeweils lose in der Handtasche mitgetragen habe. Zwei, drei Mal habe Marie deswegen nochmal zurück ins Café gehen müssen, weil sie ihn dort rausgelegt und dann vergessen habe, wenn sie im Täschen etwas gesucht habe. Wann denn das jeweils gewesen sei, fragte Kassandra. Na ja, die Spanierin überlegt, genau kann ichs nicht mehr sagen, manchmal, wenn wir noch zusammen ein Glas getrunken haben, halt in all den Wochen vorher, als Marie immer noch geglaubt habe, dass der andere wieder zurückkomme. Dabei hätte sie doch Chancen gehabt, es habe genug gegeben, die nur wegen ihr ins Café gekommen seien. Der Mafiosi zum Beispiel. Der Mafiosi? Elvira grinst. Sagten wir so, ein Italiener, geschniegelt wie nichts, fährt im roten Alfa vor und bringt ihr den Schmus!

 

Und am Mittwoch? hat Kassandra noch gefragt. Fahrig sei Marie gewesen, völlig von der Rolle, sie habe sie noch nie so erlebt. Eben, wahrscheinlich, weil der Gauner endgültig weg sei, irgendwas müsse sich entschieden haben am Wochenende. Komisch sei nur, dass die Reaktion erst am Mittwoch – Eben, komisch, sagt Kassandra, aber vielleicht war es ja auch was anderes? Vielleicht hat sie sich ja auch auf den Italiener gefreut? Die Augen der Spanierin glühen auf: Gefreut! Von wegen! Angeschnauzt hat sie ihn als er ihr wieder seine Komplimente säuselte, ihm sein Thonbrot hingeknallt und ihn gehänselt wegen dem Fahrrad.

 

"Moment", sagt Kassandra, "jetzt mal schön der Reihe nach. Er kam also immer um elf vorbei, der Italiener?" "Pünktlich," sagt die Spanierin, "pünktlich um elf und immer ein Thonbrot und einen Primitivo! Um elf Uhr vormittags schon einen Primitivo!" "Und was war das mit dem Fahrrad?" "Ach ja," Elvira nickt, er sei doch immer mit dem Alfa vorgefahren, auch am Dienstag noch, sie erinnere sich genau, weil er Marie wieder habe überreden wollen, von wegen weichen Ledersitzen und so. Und dann plötzlich an jenem Mittwoch mit nem Bike, brandneu, darum auch habe ihn Marie drangenommen. Ob er sein Fett wegradeln wolle und all sowas. Dabei hätte sie ja Chancen gehabt und der Kerl habe Geld, das wisse man, genug Geld!

 

"Ein roter Alpha also", brummte Kassandra, als die Spanierin gegangen war, "sieh mal an, und ein Thonbrot um elf." Luzia schwieg und braute nochmals eine Runde Espresso mit dem italienischen Maschinchen. Vor dem Fenster begann die Dämmerung die Farben aufzusaugen. Zuerst die braunen Dächer, dann das Grün der Bäume und gerade, als auch die grelleren Farben sich in Grau zu verwandeln begannen, leuchtete unvermittelt das ganze Bild in einem kitschigen Rosa auf, das selbst aus der hässlichen Vorstadtindustrie eine Traumfabrik-Kullisse machte. Die Sonne zündete wie ein plötzlich aufgeblendeter Theaterscheinwerfer rot durch einen Wolkenriss und zeichnete harte Schatten in die Stadt. Ebenso unvermittelt erlosch das Licht wieder und nun war ohne Übergang alles schwarz, selbst der Himmel und erst da bemerkte Luzia, dass schwere Wolkenstaffeln den Hügelzug im Westen verschluckt hatten.

 

Nur zögerlich leuchteten erste Lichter auf. Luzia dachte an die Stadt, in der um diese Zeit bereits alles hell erleuchtet sein würde. Mit einem Mal verstand sie, was Kassandra daran reizen mochte: Herauszufinden, was unter dieser aufgesetzten Ruhe und Beschaulichkeit lauerte. Hier draussen, sagte Kassandra, hier draussen beginnst du erst das seltsame Wesen Mensch zu verstehen. Das Kaffee-Maschinchen zischte.

 

Plötzlich stand Kassandra auf: "Also, schaun wir, was der Italiener mit dem Jungen zu tun hat!" "Aber der Espresso – " begann Luzia, da nahm ihr Kassandra das Tässchen aus der Hand und stürzte die kochend heisse Brühe in einem Zug hinunter. "Wunderbar", sagte sie, "danke!" Und schon stand sie ungeduldig draussen an der Treppe. "Kommst Du?"

 

 

8

"Zum Tageblatt!" hatte Kassandra erwidert, als Luzia nach dem Ziel fragte. Das Tageblatt, so nannten sie unter sich eine ehemalige Hausangestellte namens Miriam Bohnenblust, die in einen früheren Fall als Mitschuldige verwickelt gewesen war, sich dann aber mit Kassandras Hilfe auffing und die ihnen seither immer mal wieder behilflich war. Sie hatte ein umfassendes Wissen über die Verhältnisse in der gesamten Region. 'Wenn du wissen willst, wer mit wem und wieso und wann und überhaupt – dann geh zur Bohnenblust, die weiss einfach alles!' sagte Kassandra zu Luzia.

 

Der Empfang war wie immer herzlich, auch wenn sich Miriam gerade für den Ausgang fertig machte. "Nur eine Minute", sagte Kassandra, aber davon wollte Miriam nun gar nichts wissen. Sie holte sofort die Gläser aus dem Schrank und eh sie sichs versahen, sassen sie bei einm Seeländer Weissen, der sich durchaus trinken liess. "Alles kann warten wenn Kassandra mich braucht!" sagte die gewesene Haushälterin und hob das Glas. "Ein Rendez-vous?" fragte Kassandra ungeniert und Miriam grinste. "Aber so dumm wie damals," sagte sie dann ernst, "so dumm werde ich niemals mehr sein!" Damit spielte sie auf jene Ereignisse an, in deren Verlauf sie sich begegnet waren. 'Damals' hatte sie sich unsterblich in einen Hochstapler, Phantasten und Kunstbetrüger verliebt und ihm erst seine kriminellen Umtriebe möglich gemacht.

 

"Ich weiss," sagte Kassandra und kam sogleich auf den Italiener zu sprechen. "Ach der," sagte Miriam aufhorchend, "hier nennt man ihn auch den 'Tschingg', bisschen Hans-Dampf-in-allen-Gassen und hinter jedem Frauenrock her. Den triffst du immer und überall an!" Dann grinste sie wieder: "Bloss um mich macht er einen Bogen, seit ich ihm mal handgreiflich zu verstehen gegeben hab, dass ich nicht auf Italienisch stehe." Tschingg! Kassandra horchte sofort auf. Und was er denn für einen Bezug zu dem Jungen auf dem Fahrrad gehabt haben könnte, fragte Kassandra. Wie sie denn darauf komme, erwiderte Miriam ernst, ob denn nicht erwiesen sie, dass der andere, der Schurter, der Politiker, der Schuft sei? "Hä ja", meinte Kassandra, "der schlaue Herr Polizeichef hat da einen Bock geschossen – nur das Fahren im angetrunkenen Zustand ist jetzt nachgewiesen, aber den Jungen auf dem Fahrrad hat er definitiv nicht abgeschossen!"

 

Abwechselnd erzählten sie ihr nun die Thonbrotsache und Miriam betrachtete sie nachdenklich: "Du denkst also – " "Ich selbst denke nie", sagte Kassandra, "ich versuche nur, dem Denken der Figuren im Spiel auf die Spur zu kommen." "Augenblick", sagte Miriam versonnen und trank schweigend kleine Schlucke. Kassandra konnte förmlich sehen, wie in ihrem Kopf die ganze Gegend mit allen Gestalten, allen offenen und versteckten Fäden, den Beziehungen, den Emotionen entstand.

 

"Also", sagte die ehemalige Haushälterin, "hier haben wirs: Fussball." "Was zum Teufel meinst du denn jetzt damit?" fragte Kassandra. "Wie alle Italiener", sagte Miriam, " wie fast alle Italiener ist auch der Tschingg fussballverrückt. Und natürlich redet er auch hier in unserem örtlichen Club ein grosses Wort mit. Er war in der Juniorenabteilung drin, medizinisch sagt man, er ist ja auch beruflich dort tätig, bei der Ambulanz, weißt du." Kassandra nickt versonnen. Natürlich, bei der Sanität! Aber es war dann da offenbar mehr dabei als rein medizinische Betreuung, hab ich läuten hören. Aber davon weiss ich nichts genaues. Er hat jedenfalls aufhören müssen, das ist sicher. Man habe Beweise zugespielt erhalten, hiess es und dabei hab ich auch gehört, dass - " "Schlatter," sagte Luzia unerwartet, "Jeremias Schlatter, der auf dem Velo!" Und Kassandra starrte sie verblüfft an: "Du weißt davon?" Luzia errötete ein wenig: "Den Zusammenhang kannte ich natürlich nicht. Bloss aus dem Fussball halt, dort sprach man davon." "Du hast mit Fussball zu tun?" Na ja" sagte Luzia,"mein Neffe spielt bei uns bei den Junioren und da war natürlich schon davon die Rede. Und dass endlich mal einer Klartext geredet hat, man war froh bei uns." "Und das war der junge Schlatter?"

 

Miriam mischte sich wieder ein:"Er war halt dort auch aktiv, hat für die Events gesorgt und dass immer mal wieder was los war drumherum." "Na also," sagte Kassandra, "wollen wir mal den Grossen Chef aufklären, vielleicht, dass ers ja schafft, wenn wir ihm die nötigen Zutaten auf dem Tablett servieren!"

 

 

9

Schon in der Nacht war die kurze Sommererinnerung weggepustet worden. Bissig schoss ein nasser Wind um die feuchten Hausmauern und immer wieder knatterten Regenstaffeln gegen die Scheiben des Bahnhofcafés. Selbst die Ankündigungen der Züge über die Lautsprecher schienen mit erkälteter Stimme gesprochen und natürlich gaben sie nichts als Verspätungen an.

 

"Der Tschingg!" sagte die Spanierin und stellte schon den dritten Espresso vor Kassandra, obwohl in dem Lokal eigentlich Selbstbedienung war, "daran hätte ich nun doch nicht gedacht!" "Nun ja", sagte Kassandra, "manchmal sieht man von aussen alles in einem andern Licht! Sie konnten ja nicht wissen, dass Ihre Kollegin mitten in den Nacht den Schlüssel, den sie wieder einmal verlegt hat, hier in der Küche suchen geht und aus lauter Angst sich nicht getraut, Licht zu machen!" Das verstehe sie zwar schon, sagte die Serviererin, es habe ja Einbrüche gegeben in letzter Zeit und die smarten Jüngelchen vom Wachdienst seien manchmal ein bisschen übereifrig. Und im Ganzen sei die Marie halt doch noch nicht über die Geschichte mit ihrem Gauner hinweg, gerade der Schlüssel, den sie noch immer für ihn unter die Fussmatte gelegt habe statt ihn an den Schlüsselbund zu klicken, beweise das."Trotzdem", sagte Kassandra, den Verdacht, den Marie gegen den Tschingg gehegt habe, nachdem sie in der Nacht das Ereignis beobachtet habe, den hätte sie besser der Polizei mitgeteilt anstatt auf die Idee mit der Selbstjustiz mittels dem vergifteten Thonbrot zu verfallen!

 

Aber auch da wiegte Elvira ihren Kopf und die tiefen, schwarzen Augen glühten: "Unsereins," sagte sie, "unsereins hat nicht so gute Erfahrungen mit der Polizei! Und Marie war einige Male dort um ihren Alten anzuzeigen, wenn er ihr wieder mal gedroht hatte! Soll ich Ihnen mal sagen, wie sie behandelt wurde jeweils?" Kassandra winkte ab, sie wisse das schon, wahrscheinlich habe man sie nur gefragt, ob sie ihn etwa gereizt habe oder sogar, ob sie sich ihm sexuell verweigere, dann könne man ja verstehen – und solche Sachen. Das habe sie schon selbst erfahren, als sie mal zweideutige Anrufe erhalten habe. "Aber trotzdem," sagte sie, "trotzdem, die Sache mit dem vergifteten Thonbrot war doch ein unheimliches Risiko!"

 

"Eigentlich nicht", verteidigte die Serviererin ihre Kollegin, "wäre alles genau wie geplant verlaufen, wenn nicht der Chef dazwischen gefunkt hätte und Marie in den Zurüstraum gerufen hätte. Damit konnte sie nicht rechnen und dass genau in diesem Moment die Kleine bei mir ein Thonbrot bestellt und der Tschingg erst danach an der Reihe gewesen wäre! Normalerweise musste immer Marie ihm das Thonbrot reichen, das richtete er so ein, damit er ihr immer seine Avancen machen konnte, seine plumpen Anspielungen. Und ich weiss ja nicht, seit dem Mittwoch war er ohnehin nochmals anders, als ob er etwas geahnt hätte – wer weiss, vielleicht hat er ja Marie doch gesehen in jener Nacht? Man weiss ja nie hier, mit all den spiegelnden Lichtern, den Autoscheinwerfern, den Strassenlaternen, den Perronlampen. Und auch in jener Nacht hats geregnet! Vielleicht hat er ja den ganzen Rummel nach dem Unfall beobachtet, versteckt von irgendwoher und Marie gesehen, als sie hinten aus dem Materialraum flüchtete."

 

"Na ja," sagte Kassandra, "wie auch immer. Mit unserer Nachhilfe hats ja nun der Herr Polizeichef geschafft und man wird in der Presse wieder mal nachlesen können, was für eine vorzügliche Spürnase er hat!" In diesem Moment betraten zwei Beamte das Café und zögerten an das Bistrotischchen heran. "Frau Schwarz?" fragte der Jüngere, der ein bisschen wie ein Italiener aussah und musterte dabei aber eher Elvira, die sich verlegen abwandte. "Die bin ich," sagte Kassandra und erhob sich. "Hoffmann," stellte sich der zweite, im gesetzteren Alter vor, "bleiben Sie bloss sitzen, wir bringen ihnen nur etwas vom Alten vorbei. Er meinte, wir würden Sie sicher hier vorfinden, so gegen zehn Uhr." "Dumm ist er nicht", brummte Kassandra widerwillig bewundernd und hastig fügte sie ein "Nichts" hinzu, als der Beamte sie fragend ansah.

 

Dann blickte sie erstaunt auf das Couvert, das ihr der Junge hinstreckt. "Ich nehme das nicht an" sagte sie ärgerlich und Hoffmann grinste. "Hat er vorausgesagt und wir sollens notfalls mit Gewalt aushändigen!" Er schob die Hand an den Knüppel, der am Gürtel baumelte. "Mistkerl", brummte Kassandra halbärgerlich und nahm den Umschlag schliesslich. "Wir wollen ja nicht schon wieder Scherben machen hier!" "Eben", grinste er und Kassandra musste widerwillig eingestehen, dass ihr mal ausnahmsweise ein Polizist nicht unsympatisch war.

 

"Nehmen Sie nicht noch einen Kaffee?" hörte sie, über sich selbst erstaunt, ihre Stimme und schon sassen die Beiden an ihrem Tisch. Elvira liess es sich nicht nehmen, auch diesmal zu bedienen. Dass sie dabei den Jüngeren besonders aufmerksam berücksichtigte, fiel Kassandra nicht einmal auf. Sie versuchte noch immer verwirrt, ihr eigenes Benehmen einzuordnen.

 

Erst, als die Beamten nach dem dritten Kaffee gegangen waren, öffnete Kassandra, immer noch ein wenig abwesend, das Couvert. Es enthielt einen Gutschein für eine grössere Menge Katzenfutter "zu Handen Deines wunderbaren Katers", wie der Polizeichef dazugeschrieben hatte sowie eine Einladung zu einem italienischen Nachtessen für sie und Luzia, "weil wir es uns ja nun schon so gewohnt sind." "Witzkiste", brummelte sie nicht unfreundlich und fand ihren Humor wieder. "Wir gehen nur hin," sagte sie später am Telefon zu Luzia, "wir gehen nur hin, wenn die Spanierin und die Thonbrötchen-Marie auch dabei sein dürfen! – Und die beiden Beamten ebenfalls", fügte sie nach leichtem Zögern an. Und wie immer willigte der Polizeichef am Ende brummelnd ein.

 

Langenthal, Februar 2014

 

 

Kunst im Schloss

Ein Fall für Kassandra Schwarz (3)

1

Einer jener Fälle, auf die Kassandra immer wieder zu sprechen kam und der ihr sehr nahe ging, war die Geschichte einer späten und intensiven Liebe. Er hob sich insofern von den sonstigen Erlebnissen ab, als er weniger mit der Zeit, in der man lebte, weniger mit der Entwicklung der Gesellschaft hin zu immer egozentrischerem Verhalten, weniger mit der modernen Kommunikationsgesellschaft zu tun hatte, als vielmehr mit den seit jeher auftretenden menschlichen Regungen, mit dem Verlangen nach Nähe, Zärtlichkeit, Geborgenheit, das bisweilen blind macht und ins Verderben führt.

 

Vielleicht hatte es aber auch damit zu tun, dass Kassandra mit ihrem Wegzug aus der Stadt selbst vor solchen Regungen, vor einer solchen Wendung ihrer eigenen Geschichte geflüchtet war. Zumindest deutete die Intensität, mit der sie immer und immer wieder auf den Fall zu sprechen kam und mit der sie die Hauptbetroffene später in ihren Fällen miteinbezog, solches an. Aber deutlicher wurde sie auch gegenüber ihrer besten Freundin nicht, die immer mal wieder darüber rätselte, ohne je wirklich die Wahrheit herauszufinden.

 

Die Geschichte begann denn auch mit einem Anruf von Kassandra an diese Freundin, in dem sie Luzia zu einem Bummel in der Marktgasse der kleinen Stadt in ihrer Nähe bat. Sie habe ihr etwas Interessantes zu erzählen. Luzia wunderte sich zwar nicht mehr allzu sehr über die exzentrischen Regungen ihrer Freundin, aber diesmal war sie doch etwas erstaunt, dass Kassandra an einem normalen Donnerstagmorgen den Wunsch nach einem Einkaufsbummel in der nicht allzu monumentalen Marktgasse ihres neuen Wohnortes in der Provinz äusserte.

 

Der Vormittag war für den Monat Mai ausserordentlich heiss. Sozusagen über Nacht war der Sommer aufegplatzt, obwohl es noch gar nicht richtig Frühling gewesen war. Und sofort drückte die Hitze auch schon schwül und feucht. Luzia war nicht wirklich unglücklich darüber, das monströse Manuskript, das sie korrekturlesen musste, beiseiteschieben zu können, obwohl der Termin eigentlich drängte. Aber die Temperatur war so gar nicht danach, sich durch einen Dschungel unmöglicher Wendungen und geschraubter Ausdrücke zu kämpfen, den man am liebsten mit dem verbalen Zweihänder gelichtet und ausgedünnt hätte, was ihr der Auftraggeber jedoch untersagte. Es sei ein Stilmittel, behauptete er und war nicht weiter auf Luzias Argumente dagegen eingetreten. Selbst grosse Zitate wie jenes von Poppers "Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann" zeigten keine Wirkung. Luzia entschloss sich daher zu einer kleinen Rache durch eine weitere Verzögerung. Ausserdem hatte Kassandras Stimme so geklungen, wie sie immer klang, wenn sie auf ihren Café-Recherchen auf einen Misston im allgemeinen Gesumme der menschlichen Aktivitäten gestossen war.

 

Kassandra stand vor einem Schaufenster. Ihre rote Mähne leuchtete von weitem auffallend. Luzia blieb in einigem Abstand stehen um zu sehen, was sich ereignen würde. Aber es geschah nichts. Kassandra stand fast regungslos. Endlich stellte sich Luzia neben sie. In dem Schaufenster war Unterwäsche ausgestellt in einer Preisklasse, die sich weder sie noch Kassandra im Entferntesten leisten konnten. Es geschah immer noch nichts. Schliesslich verlor Luzia die Geduld: "Hallo Kassi!" Kassandra nickte, ohne sich ihr zuzuwenden. "Los," sagte Luzia, "erzähl schon!" "Pssst", Kassandra blieb immer noch bewegungslos stehen, "eine Hammersache, sag ich dir – aber ich glaub, ich werde beschattet!" Luzia wurde ärgerlich. Sie tue wie in einem schlechten Agentenfilm, das sei doch einfach lächerlich und für so einen Mist lasse sie sich nicht hier vor dem Fenster bei lebendigem Leibe braten. Aber Kassandra blieb ungerührt: "Und ich hatte noch immer recht! Schau mal das mickrige Bürschchen dort drüben – was glaubst du, was der macht?" Luzia grinste: "Der ist auf Aufriss, wetten wir?" Und bevor Kassandra protestieren konnte, ging sie auf den Burschen zu. Sie wechselte ein paar Worte und mit hochrotem Kopf machte sich der Junge davon.

 

"Siehst du?" Luzia lachte, "dein Spion verzieht sich schon!" "Und was hast Du ihm gesagt?" "Gefragt, ob er mit uns Unterwäsche kaufen wolle." "Und wenn er ja gesagt hätte?" "Hat er auch - wir aber nicht mit ihm, hab ich gesagt und er solle Leine ziehen, sonst würde ich ihm jenen Burschen dort auf den Pelz hetzen! " Luzia deutete dabei auf einen Sicherheitstypen in Springerstiefeln, der an der Ecke stand und ausdauernd zu ihnen hin starrte. "Der schaut auch schon lange her – wir fallen auf! Komm, wir spielen Shopping!" und sie zog Luzia von der imponierend teuren Unterwäsche fort.

 

2

An der sogannten Einkaufsstrasse lagen ein knappes Dutzend Läden. Mehrmals dieses Dutzend rauf und wieder runter dauerte es, bis Kassandra ihre Geschichte losgeworden war. Ob sie schon mal etwas von Giacomo Albertini gehört habe, wollte sie zuerst von Luzia wissen. Ein Bildhauer, vielmehr ein Statuengiesser eigentlich. Seine Statuen seien von wundersam stimmigen Proportionen, alles Guss, immer wieder andere Legierungen, je nachdem, was er für Lichtwirkungen erzielen wolle. Und jetzt tauchten seit ein paar Monaten immer wieder Fälschungen auf, ob sie nicht davon gelesen habe? Als eigenständige Kreationen wären sie gar nicht so schlecht, aber es seien halt einfach nachgemachte Albertinis und als Imitationen auch schnell erkennbar. Trotzdem gebe es immer wieder Neureiche, die keine Ahnung hätten und die Imitationen erwerben würden, als echte Albertinis natürlich, zum entsprechenden Preis. "Und gestern, "sagte Kassandra, als sie eben zum dritten Mal beim Schuhladen kehrt machten und sie senkte die Stimme, "gestern hab ich im Stadtcafé eine Frau beobachtet, die einem Typen eben so eine Figur zeigte! Ich hab sie nur ein paar Sekunden lang gesehen, die Figur, aber ich bin absolut sicher! Ich bin daraufhin auf die Toillette gegangen und verhedderte mich in einen Stuhl genau neben jenem Tischchen und dabei hab ich dann gehört, wie die Frau, eine absolute Vogelscheuche übrigens und auch so gekleidet, in schreienden Farben und drei Nummern zu gross, die Frau also nannte ihm eine Adresse. Und weißt du, was für eine?" Luzia war bereits von der Geschichte gefangen und wartete. Kassandras Augen leuchteten auf: "Die Adresse des Schlösschens!"

 

Luzia blieb aprut stehen: Das Schlösschen? So nannte man eine riesige Villa mit mehreren Flügeln, Türmchen und Nebenbauten, die ziemlich ausserhalb der Stadt in einem umfangreichen Park verborgen lag. Erst vor kurzem war es von einem Herrn Stengele gekauft worden, von dem allerlei gemunkelt wurde. Zum Beispiel, dass seine Frau eine ehemalige Miss Universum sei und drei Kinder habe, keines von ihm. Und dass er keinesfalls wie eine Stange geformt sei sondern eher wie eine Kugel. Und ausserdem habe er eine Menge Geld gemacht mit irgendwelchen Medizinalgeräten. Und in dem Park, hiess es weiter, hause eine riesige, schwarze Dogge, die niemanden auch nur einen Meter in den Park hineinlasse. Luzia schauderte schon bei dem Gedanken, dass sie nun in einigen Minuten vielleicht bereits von einer riesigen Dogge verfolgt durch einen wildfremden Park hetzen würde. Denn sie zweifelte keine Minute, dass Kassandra einen Besuch im Schlösschen vorhatte. Trotzdem spielte sie mit einem letzten Hoffnungsschimmer die Arglose: "Na schön – und weshalb hast du mich denn nun auf diesen wundervollen Einkaufsbummel herbefohlen?" Kassandra musterte ihre Freundin kurz und durchschaute sie natürlich auch gleich. "Das weißt du ebenso gut wie ich! Aber zuerst genehmigen wir uns im Stadtcafé einen scharfen Espresso rabenschwarz – oder auch zwei oder drei, das können wir wohl brauchen! Und dann gehen wir vor wie Dschingis Khan: Wir stürmen die Festung im Frontalangriff!"

 

3

Das Schlösschen lag etwas höher über der Stadt auf einem Hügel und als Kassandra und Luzia ihre Bikes vor dem grossen Gittertor abstellten, waren sie schweissgebadet. Sie glaube ja nicht, keuchte Luzia mit Blick auf die imposante Gittermauer, hinter der sich Baumriesen und Gebüschhaufen zu einem grünen Dschungel aufbäumten, dass so ein Geldsack es nötig habe, irgendwelche Statuen zu fälschen. Allerdings kannte sie dieses Gefühl von allen ihren bisherigen Ermittlungen mit Kassandra her: Zu Beginn schienen es immer Hirngespinste zu sein, denen Kassandra nachjagte. Aber jedesmal hatten sich die Gespinste unheimlich schnell zu Gewissheiten und oft auch realen Gefahren verdichtet, das musste sie zugeben. Diesmal erschien ihr die Sache jedoch wirklich äusserst zweifelhaft. Ausserdem gelobte sie sich, wieder seriöser ihr Fitnessstudio heimzusuchen. Seit Kassandra aus der Stadt weggezogen war, entwickelte sich ihre körperliche Leistungsfähigkeit geradezu schwindelerregend. Auch jetzt wieder schien sie die Steigung gar nicht gespürt zu haben und ihre Haarmähne sah aus, als sei sie frisch geföhnt.

 

Obwohl es bereits gegen vier Uhr nachmittags zuging, war es nämlich immer noch schwül und feuchtheiss wie in einer Sauna. Luzia lechzte so sehr nach Schatten, dass sie ohne zu überlegen die Klinke des grossen Gittertores drückte. Das Tor schwang geräuschlos auf. Luzia schreckte zurück, aber Kassandra trat ohne zu Zögern in den Park. "Umso besser", sagte sie, "ich glaube nicht, dass du für eine Kletterpartie noch frisch genug gewesen wärst." Und obwohl es Luzia wurmte, musste sie Kassandra recht geben. Sie folgte ihr etwas zögerlich, die grosse Dogge drängte sich gebieterisch in ihr Denken.

 

Obwohl die Bäume die Sonne verdeckten, war die Luft im Park nicht eine Spur frischer und Luzia spürte den Schweiss in Rinnsalen über den Rücken fliessen. Vielleicht hatte es aber auch damit zu tun, dass die Gedanken an die reissenden Mordhunde immer dominierender wurden. "Gerade topgesichert scheint die Festung nicht zu sein", hatte Kassandra gesagt und sofort blitzte das Warnlicht in Luzias Hirn. "Vielleicht ist das ja nicht nötig, die sollen doch todgefähliche Hunde hier laufen haben!" Kassandra lachte: "So lange es keine Löwen, Tiger oder Bären sind!" Dann hielt sie Luzia ein kleines, graues Kästchen hin: "Da, nimm auch eins – hält dir jeden Bluthund vom Leibe!" Luzia betrachtete das Gerät und drückte vorsichtig die eine Taste. Ein rotes Lämpchen glühte, aber sonst geschah nichts. "Sendet einen ekelhaft hohen Ton aus, den du nicht hören kannst, den aber selbst die gefrässigsten Hunde nicht ertragen! Du bist für sie einfach nicht mehr vorhanden, sobald du diese Taste drückst. Leider", fügte sie an, "wird uns das im Hause selbst nicht mehr viel helfen, fürchte ich!" Wie recht sie damit hatte, konnte aber selbst Kassandra in diesem Moment nicht ahnen!

 

Trotz des Kästchens war Luzia darauf gefasst, dass unvermittelt aus den dichten Büschen eine schwarze Bestie schiessen würde und ihre scharfen Reiszähne in ihre Waden oder noch weit empfindlichere Körperteile schlagen würde, bevor sie auch nur an die Taste herankäme. Aber es blieb alles ruhig, fast zu ruhig, schien es Luzia.

 

Der geschwungene Fahrweg endete vor einer grossen Freitreppe, die zu einer zweiflügeligen riesigen Türe führte, vor der links und rechts zwei grosse Skulpturen Wache hielten. Die Skulpturen waren aber aus Sandstein gehauen und nicht aus irgendeinem Metall gegossen und sie stellten durchaus realistisch gehaltene Löwen dar. Das Ganze machte wirklich fast den Eindruck eines echten Schlosses. Neben der Türe hing an einer Kette ein geschmiedeter Handgriff, hingegen war nirgends eine Klingel oder eine Gegensprechanlage oder was immer man an moderner Sicherungsanlage erwartet hatte, zu sehen.

 

Kassandra zog entschlossen an dem Griff: "Fast wie anno dannzumal – jetzt kommt sicher gleich Johann!" Im selben Moment, als hätte jemand dahinter gewartet, schoss es Luzia durch den Kopf, öffente sich der eine der schweren Flügel einen Spalt breit und wie das Knarren von rostigem Metall fragte eine rauhe Stimme, was man wolle. Knapp und undeutlich sah man ein Gesicht mit bitteren Falten um stechig schwarze Augen und strähnig schwarzem Haar. "Wenn das die Miss Unviersum ist," murmelte Luzia, "ist das Universum älter, als ich dachte." Kassandras Augen blinkten kurz warnend aber auch ein wenig amüsiert auf und wieder einmal fühlte sich Luzia auf seltsam vertraute Art zu der Freundin gehörig. Sie funktionierten wirklich wie eine Einheit.

 

4

"Frau Stengele?" fragte Kassandra mit dem hellen, gemacht-freundlichen Unterton, der Luzia bei gewissen Moderatorinnen von Lokalfernsehsendern auf den Wecker ging. "Ist nicht da", knurrte das Schattengesicht und schon wurde der Türspalt kleiner – aber ganz schloss sich die Türe nicht, denn sofort war Kassandras Fuss nach vorn gerutscht und hatte sich vor den Türflügel geschoben. "Und Herr Stengele?" "Auch nicht. Niemand da. Wir kaufen nichts!" Kassandra hat den Ton wirklich gut drauf, dachte Luzia bewundernd. "Wir wollen auch gar nichts verkaufen," jubelte sie jetzt förmlich, "mein Name ist nämlich Franziska Gut von der Wochen-Illustrierten und das ist meine Fotografin Vera Hummel! Wir machen eine Reportage zum Thema "Wohnen im Schloss" und sind bei Herrn Stengele schon länger für heute angemeldet, damit wir uns – "

 

"Bei uns gibt’s nichts zu sehen – tschüss!" röhrte die Stimme und wieder drückte der Türflügel gegen Kassandras Schuh. Es ging noch ein wenig hin und her, eine Visitenkarte wurde in den Spalt geschoben – woher zum Teufel hat sie denn die nun so auf die Schnelle, fragte sich Luzia – und schliesslich liess sich die Hausverwalterin oder was immer das Wesen für eine Funktion hatte, dazu herab, die beiden Frauen wenigstens in den Vorraum eintreten zu lassen. Man solle warten, brummte sie gehässig, sie müsse schauen, ob sie jemanden finde. Und schon klickte im Hintergrund eine Tür.

 

"Es ist die aus dem Stadtcafé", sagte Kassandra und begann, in dem Raum herumzustöbern. Er hatte die Ausmasse einer mittleren Turnhalle und es standen eine Menge alter Möbel herum. Aber Kassandra steuerte fast sofort gegen den Hintergrund des Raumes. "Siehst du!" hörte Luzia ihre Stimme, der man die unterdrückte Erregung anmerkte, "hab ichs doch gewusst!" Luzia tappte vorsichtig in das Dämmerlicht des Hintergrundes und sah eine Gruppe von Skulpturen, auf die Kassandra deutete: "Falsche Albertinis! Jede Menge! Ich hatte also recht!" Luzia zog die Kamera hoch und wollte gerade abdrücken, aber da krachte wie eine Granate wieder die Stimme dazwischen: "Hier drin wird nicht ohne Erlaubnis fotographiert!" Das Hausfaktotum war lautlos direkt hinter sie getreten. Die Kamera fiel zu Boden und kullerte mitten in die Stauten. Die dürre Gestalt vertrat Luzia den Weg dazu und zischte gehässig: "Mitkommen! Herr Stengele hat ein paar Minuten Zeit, wenn es unbedingt sein muss. Aber fotografiert wird nicht. Und Ihr Plunder wird bei der Garderobe deponiert!" Ihr Bleistiftnase wies zu einer Truhe neben der seitlichen Türe.

 

Kassandra und Luzia blickten sich an, dann zuckte Kassandra mit den Schultern und sie deponierten ihre Taschen und Jacken auf dem antiken Möbel. Erst als sie sich vergewissert hatte, dass wirklich alles abgelegt war, wandte sich die Hagere um und ging durch die Tür. Kassandra schnappte sich blitzschnell ihre Tasche und hielt sich dicht hinter Luzia, als sie ebenfalls durch die Tür traten.

 

Die Aufpasserin stakte voraus durch den Korridor, der nur aus kahlen Sandsteinwänden bestand. Lückenlos gefugt. Noch ahnten sie nicht, dass dieser Anblick sie bald zur Verzweiflung bringen würde. Sie folgten dem wehenden, giftgelben Schal, der eine schreiendlila Bluse umwehte, die wiederum in eine flower-power-blumige Röhrchenjeans gestopft war und von einem Stoffgürtel mit aufgestickten, grellfarbigen Regenbogenperlen noch zusätzlich eingeschnürt wurde. Die Stimme der Giftspukerin passte genau zu den schreienden Farben ihrer Kleidung und zum staksigen Stechschritt, in dem sie über Treppen hinauf und hinunterhastete. Kassandra deutete ab und an stumm mit dem Kopf auf die Statuen, die überall in Nischen und Ecken standen, verzerrte, irgendwie höhnische Figuren in unterschiedlichen Grau-, Schwarz- und Metalltönen. Albertinis, dachte Luzia, wahrscheinlich alle gefälscht.

 

Kassandra hatte schon mehrmals den Eindruck gehabt, dass sie an den gleichen Stellen vorbeikamen wie kurz zuvor und sie wollte gerade ihre Zweifel äussern, als die Grellfarbene plötzlich eine Türe öffnete und sie in eine Art Bibliothek eintreten liess. "Moment warten," röhrte sie, "der Herr Stengele kommt gleich!" Dann klappte die Türe zu. Luzia war es, als höre sie ein Einrasten. Wieder blickten sich die beiden an, dann drückte Kassandra die Klinke und versuchte, die Türe zu öffnen. Sie liess sich keinen Millimeter bewegen.

 

5

Kassandra blickte Luzia an. "Wie die billigsten Anfänger!" sagte sie und es sei doch nicht zu glauben, wie man immer und immer wieder auf die einfachsten Tricks hereinfalle. Eben sei sie überzeugt gewesen, dass man sie im Kreis führe und sie habe gedacht, man schmeisse sie einfach an einer mehr oder weniger günstigen Stelle raus. "Aber die sind härter als ich dachte," fügte sie an, "wir müssen uns vorsehen!" Luzia fand, dass diese Einsicht etwas spät komme und blickte sich in dem Raum um: Eingebaute Regale in kunstvoller Schnitzerei zogen sich den Wänden entlang. Sie waren leer bis auf wenige, in denen Statuen in der nun bereits bekannten Art standen und an der einen Seite wurden sie durch Fenster unterbrochen, die mit einer milchigen Folie überklebt waren, die sie undurchsichtig machten. Und öffnen liessen sie sich auch nicht, davon hatte sich Kassandra mit ein paar schnellen Prüfgriffen überzeugt. Dann wieder die Türe. Aber sie war massiv und das Schloss war kunstvoll ohne jede Schraube im Holz eingelassen. Und wo nicht Fenster oder Regale die Wände bildeten, trat das bekannte, fugendichte Sandsteinmauerwerk hervor.

 

Kassandra hatte schliesslich die Rauminspektion abgeschlossen. "Dicht wie im Hochsicherheitstrakt", sagte sie, setzte sich auf das Fensterbrett und zog ihr Handy aus dem seitlichen Fach der Tasche. "Empfang auch tot, "konstatierte sie selbstverständlich. Luzia ging unruhig in dem Raum herum und zuckte immer wieder zurück: In Nischen und Ecken lauerten überall Statuen. "Was soll den jetzt geschehen?" fragte sie mit einem leisen Zittern in der Stimme. "Na ja," sagte Kassandra, "irgendein teuflischer Trick. Gas oder so. Und in einer Woche findet man uns, Todesursache unbekannt. Gas kann man fast nicht nachweisen." Aus den Ecken kroch die Angst heran, eine lähmende, benebelnde Angst und es schien Luzia, als rückten die Statuen Schrittchen für Schrittchen näher, als würden sie die Luft immer dumpfer zusammenpressen.

 

Luzia begann zu keuchen: "Das denkst du nicht wirklich, ja?" "Warum nicht?" Kassandras Stimme blieb vollkommen gleichmütig. "Es steht zuviel auf dem Spiel, die verdienen sich dumm und dämlich mit den schmutzigen Albertinis! Und wir platzen da einfach so rein! Man könnte uns doch einfach hier vergessen, zwei, drei Tage. Nichts essen, nichts trinken. Wie lange kann ein Mensch überleben ohne zu trinken?" Luzias Hände begannen zu zittern: "Hör auf! Das liest man nur in Krimis oder sieht es in Filmen! Das passiert doch in Wirklichkeit nicht!" Kassandra zuckte die Schultern und wies auf die Figuren:"Wir wissen nun wirklich zu viel, da lässt man uns kaum ungeschoren. Vielleicht haben wir aber auch Glück und sie hauen demnächst ab. Ich frag mich nur – " Sie horchte auf und hielt Luzia, die gerade eine der Statuen packen wollte, um die Scheiben einzuschlagen, am Arm zurück. Die Dämmerung hatte den Raum fast aufgefressen, obwohl es noch nicht später Abend war. An den Fenstern klirrten Windböen. "Ein Gewitter," dachte Luzia, da öffnete sich mit einem harten Knall oben im Fenster ein Glasflügel, der Sturm heulte kurz auf, ein grelles Licht zuckte, dem fast zeigleich ein Donnerschlag folge und ein Regenschauer prasselte durch den Raum. Es wurde nachtdunkel.

 

Kassandra liess den Arm von Luzia los und ging aufs Fenster zu: "Sieh mal einer an, doch nicht ganz dicht, das Gefängnis!" Dann bedeutete sie Luzia, die Statue wieder hinzustellen: "Keine unüberlegten Handlungen!" sagte sie, " eine Menge Unglück auf der Welt könnte vermieden werden, wenn die Menschen zuerst denken würden, bevor sie handeln!" Sie zog aus dem Seitenfach der Tasche einen kleinen Notizblock, bekritzelte eines der Zettelchen, riss es ab und öffnete das Hauptfach der Tasche. Eine Katze maunzte.

 

"Katerchen!" rief Luzia und starrte benommen auf die Tasche. "Genau," sagte Kassandra, "mein zweiter Assistent! Hat sich wunderbar gehalten bis jetzt!" Katerchen, ein dreijähriger Tigerkater, sprang aus der Tasche, drehte sich auf Kassandras Schoss ein paar Mal um die eigene Achse und leckte sein prächtiges Fell zurecht. Er habe mehr Verstand und Spürsinn als jeder Polizeibeamte vom Gefreiten an aufwärts, behauptete Kassandra jeweils und das hatte Katerchen in der Tat schon mehrmals bewiesen.

 

Auch heute hatte er sich tadellos verhalten und Kassandra kramte aus der Seitentasche ein Belohnungshäppchen, als man an der Türe ein Kratzen vernahm. Sofort huschte Katerchen wieder in die Tasche. Kassandra sprang auf, packte einen der kleineren Albertinis und stellte sich neben die Türe. Der Schlüssel drehte und die Türe öffnete sich gerade soweit, dass ein Servierwagen hindurchrasseln konnte. Für Augenblicke sah man eine Hand mit sechs riesigen, schreiendfarbenen Fingerringen. "Tee – hat noch niemand Zeit – warten" kreischte die Stimme und schon fiel die Türe wieder ins Schloss.

 

6

Kassandra wog die Statue noch einen Augenblick in den Händen und warf sie dann in eine entfernte Ecke. "Mist! Ich bin nicht mehr schnell genug! Wahrscheinlich müsste ich doch wieder regelmässig ins Fitness!" Sie hatte die Tasche geöffnet und Katerchen sprang diesmal zu Boden! Kassandra riss einige Papiertaschentücher aus der Packung und schob das bekritzelte Papierchen hinein. Katerchen hielt sich schon bereit und Kassandra klemmte das kleine Paket in sein Halsband. "So, und nun hopp ab zu Sabine, zu Binchen! Wir brauchen hier wohl ein, zwei Hände mehr, sogar wenn sie in Uniformen stecken!" Katerchen flitzte rund um den Raum, sprang dann die Regale hoch und hopp, schon war er oben durch das Klappfensterchen verschwunden.

 

"Wollen hoffe, dass der Herr Polizeigeneral nicht in Formalismus verfällt und sich ein wenig beeilt, wer weiss, wie lange die hier noch Geduld haben mit uns!" Kassandra wollte sich aufs Fensterbrett hiefen, brach aber die Bewegung plötzlich ab, hechtete quer durch den Raum gegen den Servierwagen und schlug Luzia die Tasse aus der Hand, die sie soeben zum Mund geführt hatte. Der heisse Tee sprühzischte über Kleider, Haut und Steinfliesen. Luzia war vor Schreck hart gegen die Heizungsrohre in ihrem Rücken gebumst. Sie starrte Kassandra entsetzt an. Ob sie nicht ganz gescheuert sei, wütete diese, ob sie noch immer nicht begriffen habe und ob sie ihren verdammten Teefimmel nicht einmal in einer solchen Scheisssituation bezwingen könne. Denn genau so, wie Kassandra von harten Espressos lebte, war Luzia

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