Eine Kurzgeschichte auf drei Servietten

Oder: Wie eine Kurzgeschichte erzählt werden soll.

 

Ich soll eine Geschichte erzählen, hat man mir gesagt. Die Geschichte soll zeigen, wie man eine Geschichte erzählt.

 

Ich habe mir also besorgt, was ich mir für solche Fälle immer besorge: Papier und Schreibstift. Und habe das mit mir herumgeschleppt, allzeit bereit, ins Büro, an Sitzungen, auf eine mittlere Velotour, auf der es fast nur geregnet hat. Habe immer wieder zu Schreiben begonnen: An einem Kaffeehaustisch in Wien, am Wohnzimmertisch weit nach Mitternacht, im Büro mitten in einer Arbeit. Immer, wenn ich meinte, die Geschichte beim Schopf packen zu können. Aber jedes Mal blieb nur ein Haar zurück, der Schopf, also die Geschichte, war schon wieder abgehauen, hatte sich als Perücke entpuppt, eine Glatze zurücklassend.

 

Ich versuchte es mit Tricks: An ganz was anderes denken – und plötzlich überraschend losschreiben, in Büchern nach Anregungen suchen, ganz im Geheimen, damit die Geschichte nichts merkt, am Sonntagmorgen lange dösen und die Gedanken freilassen, um sie dann bei einer Geschichte zu ertappen. Alles umsonst.

 

Dann, mitten in einem geselligen Anlass, fiel mir der ideale Anfangssatz ein: „Ich soll eine Geschichte erzählen, hat man mir gesagt.“ Ich habe ihn auf eine Serviette gekritzelt, auf eine Stoffserviette, wohlverstanden, denn das Papier hatte ich natürlich nicht dabei. Ich versuchte, das deutliche Räuspern rund um mich her nicht zu hören. Ich konnte wunderbar den ersten Teil beschreiben: Wie man erzählend der Geschichte auf der Spur bleiben muss, den Beginn meistert, in dem man die Welt erschafft, in der die Geschichte spielt, die Person oder das Ding ins Spiel bringt, um die oder um das sich die Geschichte dreht. Bei meiner Geschichte: Der Schreibende. Also ich. Ich zeigte, wie man dieser Person, also mir, folgt. Die erste Serviette voll.

 

Dann beschrieb ich, wie man die Geschichte sorgfältig auf den Höhepunkt zuführt, immer der Hauptperson auf die Finger schauend die Spannung steigern, dass die Zuhörer gebannt an den Lippen des Erzählenden – pardon: Die Lesenden an den Sätzen des Schreibenden kleben und nichts mehr hören um sich her, so wie der Schreibende das Räuspern nicht hört an seinem Tisch, nicht die bittenden und dann die leicht drohenden Worte des Kellners, der um  seine Servietten fürchtet. Zweite Serviette voll.

 

Es gelang mir, auf der dritten Serviette fesselnd zu zeigen, wie sich die Geschichte in einer überraschenden Wende dem Ende zuneigt, wie alle offenen Fragen sich lösen, wie die Handlung sich schliesst, die Geschichte zu Ende ist. Punkt. Ich spürte, wie die Hörenden noch eine Sekunde atemlos der Geschichte nachhorchten und dann mit tosendem Applaus – nein, ich meine: Wie die Lesenden nochmals den Text überflogen, auskosteten und dann mit einem befriedigten Nicken das Blatt zur Seite legten.

 

Bloss keine Erklärungen mehr am Ende, keine Belehrungen, keine Moral von der Geschicht’! Mit dem Punkt auf der dritten Serviette muss es allen klar sein, muss man begriffen haben. Ebenso wie für den Schreibenden klar ist: Die Arbeit beginnt natürlich erst, die Servietten sind der Entwurf, kaum ein Satz wird so stehen bleiben: Kürzen, verbessern, verdeutlichen, jedes Wort dreimal wenden und gut durchbraten. Sagt es wirklich das, was zu sagen ist?

 

Aber die Gesellschaft um mich her atmet auf: Hat nicht lange gedauert. Drei Servietten voll. Nicht länger als das Dessert, und mein Espresso ist noch heiss. Der Kellner will nur sechs Franken für die Servietten. Und nur weil er von ruinierten Servietten spricht, erhält er kein Trinkgeld dazu.

 

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