Sandkastengeschichten

 

Im Frühling beginnt die Hochkonjunktur der Sandkästen. Die hautnahe Beschäftigung mit Steinen, Dreck und Wasser scheint einem Urbedürfnis des Menschen zu entsprechen. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich in unserer sauber aufgeräumten Rasen- und Teerwelt diese Reservate der Kindheit noch immer behauptet haben?

 

Und es ist durchaus lehrreich, ja fast schon eine bildungstechnische Notwendigkeit, das Geschehen in einem solchen, genau abgegrenzten Reservat ein wenig genauer zu beobachten: Ein Lehrstück zur Menschheitsentwicklung, im Zeitraffer. Vielleicht sind sie ja darum erhalten geblieben und wir haben es noch nicht gemerkt? Folgen Sie mir also zu einem beispielhaften Sandkasten irgendwo im Oberaargau!

 

Wüst und öde liegen die Reservat-Welten am Beginn der Zeiten – einem schönen Morgen im Frühling -  da. Aber bald taucht der Mensch auf: Einige Knirpse kommen krakeelend dahergelaufen und stürzen sich auf das brachliegende Land. Wie sie sich ins Zeug legen! Es gibt kein Gehen, jede Strecke wird gerannt. Am Anfang schied sich das Land vom Wasser: Es wird ein See ausgehoben. Ab sofort muss stetig Wasser nachgeschüttet werden: Spurt zum Wasserhahn, hastige Balancierschritte mit dem vollen Eimer zurück. Rund um den See wird dann die Welt erschaffen: Wälder aus eingesteckten Ästchen, Schlösser im Sandbackverfahren, Alleen, Strassen, Parkplätze, Gärten, Häuschen. Es gibt sogar bald schon eine Schifffahrt auf dem See.

 

Zuerst ist die Unterhaltung zwischen den Welterbauern ganz auf Zukunft und Aufbau ausgerichtet: Hier machen wir die Badi, dort gibt’s Schloss Dracula, drüben kommt dann Mac-Donalds hin, hier ein Fussballstadion, der Schiffshafen, ein Bahnhof sogar, wenn auch ohne Geleise! Stillgelegt, kräht einer.

 

So um das Erdmittelalter herum verändern sich die Gespräche, zögerlicher wird man, klopft noch da und dort den Sand etwas fester, Schloss Dracula bekommt einen Turm mehr, und am Nachmittag – man nähert sich der Neuzeit - beginnt der Frieden des Aufbauens endgültig bröckelig zu werden. Man gerät ins Diskutieren: Die einen wollen mehr Strassen, einer noch ein Football-Feld, jemand spricht von einem Flughafen, ein anderer von Raketenrampen. Die Wasserträger erlahmen und im späteren Nachmittag – wir sind endgültig in der Gegenwart angekommen - folgt der Niedergang: Einer beginnt den See zuzuschütten, mit dem Sand der zerfallenden Burg Dracula, versteht sich. Daraufhin schmeisst ein anderer, wohl der ehemalige Burgherr, mit Schwung einen Kübel Wasser gegen die Bergflanke und bald ist ein allgemeines Getrampel und Geschwemme im Gange, bis sich gegen Abend die Weltenerbauer abwenden und, dem Ruf ihrer Mütter folgend, zum Essen begeben, von der Zukunft verschluckt.

 

Wüst und öde liegt die Welt da, eine ganze Entwicklungsdekade hinter sich, ein Lehrstück. Ein Lehrstück?

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